Rechtsprechung / BGH

BGH Beschluss vom 16.06.2005 – IX ZB 285/03

IX. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

vom

16. Juni 2005

in dem Insolvenzverfahren

Nachschlagewerk:

ja

BGHZ:

BGHR:

nein

ja

InsVV § 3; ZPO §§ 528, 572

Das Verschlechterungsverbot hindert das Beschwerdegericht nicht, bei Feststellung

der angemessenen Vergütung im Einzelfall Zu- und Abschläge zum Nachteil des

Beschwerdeführers anders zu bemessen als das Insolvenzgericht, soweit es den

Vergütungssatz insgesamt nicht zu seinem Nachteil ändert (Ergänzung zu BGH WM

2003, 1874).

BGH, Beschl. vom 16. Juni 2005 - IX ZB 285/03 - LG Freiburg

AG Freiburg

Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch den Vorsitzenden Richter Dr. Fischer und die Richter Dr. Ganter, Kayser, Neškovi(cid:1) und Vill

am 16. Juni 2005

beschlossen:

Die Rechtsbeschwerde gegen den Beschluß der 4. Zivilkammer

des Landgerichts Freiburg im Breisgau vom 3. Dezember 2003

wird auf Kosten des Rechtsbeschwerdeführers als unzulässig

verworfen.

Der Gegenstandswert des Rechtsbeschwerdeverfahrens wird auf

67.211,18 € festgesetzt.

Gründe

I.

Der Beteiligte zu 1 wurde durch Beschluß des Insolvenzgerichts vom

15. März 2001 zum vorläufigen Insolvenzverwalter unter Anordnung eines all-

gemeinen Zustimmungsvorbehalts (§ 21 Abs. 2 Nr. 2 Fall 2 InsO) bestellt. Die

Schuldnerin betrieb einen Verlag mit 58 Mitarbeitern. Das Insolvenzverfahren

wurde am 1. Juni 2001 eröffnet.

Der Beteiligte zu 1 hat beantragt, seine Vergütung in Höhe von

177.526,97 € zuzüglich Auslagen und Umsatzsteuer festzusetzen.

Dies ent-

spricht 120 v.H. (30 v.H. Grundvergütung zuzüglich 90 v.H. Zuschläge) der

Regelvergütung eines Insolvenzverwalters nach einer Berechnungsgrundlage

von 6.009.457,04 €. Das Insolvenzgericht hat die Vergütun g ausgehend von

der angegebenen Berechnungsgrundlage auf 96.160,44 € zuzüglich Auslagen

und Umsatzsteuer festgesetzt. Es hat seiner Berechnung eine Grundvergütung

von 25 v.H. sowie Zuschläge von insgesamt 40 v.H. zugrundegelegt. Die sofor-

tige Beschwerde des Beteiligten zu 1 hatte keinen Erfolg. Mit der Rechtsbe-

schwerde verfolgt er sein Begehren in Höhe von weiteren 57.940,67 € zuzüg-

lich Umsatzsteuer weiter.

II.

Die Rechtsbeschwerde ist nach § 7 InsO, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO

statthaft. Sie ist jedoch nach § 574 Abs. 2 ZPO unzulässig, weil die Rechtssa-

che weder grundsätzliche Bedeutung hat noch die Fortbildung des Rechts oder

die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des

Rechtsbeschwerdegerichts erfordert.

1. Die Rechtsbeschwerde beanstandet, das Beschwerdegericht habe

dem Beteiligten zu 1 die vom Insolvenzgericht zugebilligten Zuschläge teilwei-

se aberkannt, auch wenn es im Ergebnis den in erster Instanz zugesprochenen

Vergütungsbetrag nicht zum Nachteil des Beteiligten zu 1 gemindert habe.

Hierin liege ein Verstoß gegen das Verbot der reformatio in peius. Dies werfe

die Grundsatzfrage auf, ob das Beschwerdegericht bei der Entscheidung über

die Beschwerde des Insolvenzverwalters gegen die Vergütungsentscheidung

des Insolvenzgerichts mangels einer gegenläufigen Beschwerde anderer

Verfahrensbeteiligter an die insolvenzgerichtliche Zubilligung einzelner Erhö-

hungstatbestände auch dann gebunden sei, wenn es die vom Insolvenzgericht

festgesetzte Vergütung im Ergebnis unangetastet lasse.

Diese Rechtsfrage ist durch die Entscheidung des Bundesgerichtshofs

vom 24. Juli 2003 (IX ZB 607/02, WM 2003, 1874) zu Lasten des Beteiligten

zu 1 geklärt. Die nach § 3 Abs. 1 InsVV in Betracht kommenden Zuschlagstat-

bestände sind nicht zwingend isoliert zu prüfen und zu bewerten. Sie haben

lediglich beispielhaften Charakter und liefern Maßstäbe für die Feststellung

einer gerechten Vergütung im Einzelfall (BGH, aaO S. 1875). Kommt es allein

auf eine im Ergebnis angemessene Gesamtwürdigung an, sind die Tatgerichte

im Instanzenzug darin frei, die in Betracht kommenden Umstände unterschied-

lichen Zuschlags- und Abschlagstatbeständen zuzuordnen; eine Bindung an

die Zuordnung durch die Vorinstanz besteht nicht. Das Beschwerdegericht ist

deshalb durch das Verschlechterungsverbot (§§ 528, 572 ZPO) jedenfalls nicht

darin gehindert, die vom Insolvenzgericht als Berechnungsfaktoren ausgewor-

fenen Vomhundertsätze einzelner Zu- und Abschlagstatbestände zu Lasten

des Beschwerdeführers zu verschieben, sofern es den Vergütungssatz insge-

samt nicht zu seinem Nachteil abändert.

2. Die Rechtsbeschwerde meint weiter, das Beschwerdegericht habe die

Anforderungen an die Darlegungslast des Insolvenzverwalters überspannt.

Grundsätzlich sei die Frage zu klären, ob dieser zur Rechtfertigung von Vergü-

tungszuschlägen nach § 3 Abs. 1 InsVV seinen konkreten Zeit- und Kosten-

aufwand vorzutragen habe oder ob er sich jedenfalls dann mit allgemeinen,

pauschalen Angaben und der Darlegung der von ihm erzielten Ergebnisse be-

gnügen könne, solange dieses Vorbringen im Vergütungsfestsetzungsverfah-

ren von anderen Beteiligten nicht bestritten werde.

a) Der Beteiligte zu 1 hatte mit seinem Vergütungsantrag einen Vergü-

tungszuschlag von 35 v.H. für die Betriebsfortführung im allgemeinen und von

weiteren 20 v.H. zur Regelvergütung für die Betriebsfortführung unter dem Ge-

sichtspunkt der Besonderheiten des Verlagswesens (Betreuung von 400 Auto-

ren und Verlagsverträgen) erreichen wollen. Das Beschwerdegericht ist inso-

weit von Zuschlägen von nur 20 v.H. sowie 5 v.H. ausgegangen, weil der Betei-

ligte zu 1 - trotz der gerichtlichen Aufklärungsverfügung vom 14. Oktober

2003 - seine Angaben in dem Vergütungsantrag zu den angeblich besonders

zeitaufwendigen rechtlichen Regelungen der einzelnen Vertragsverhältnisse

mit den Autoren nicht ergänzt habe. Sonach fehlte dem Beschwerdegericht

eine hinreichende Schätzungsgrundlage für die Bemessung höherer Zuschläge

gemäß § 287 ZPO. Die Darlegung der Schätzungsgrundlage ist Sache des In-

solvenzverwalters, der unter Hinweis auf erschwerende Umstände (höhere)

Zuschläge zur Regelvergütung erstrebt. Die von dem Beschwerdegericht ge-

forderten ergänzenden Angaben halten sich angesichts der von dem Beteilig-

ten zu 1 geforderten außerordentlich hohen Zuschläge in dem von § 287 ZPO

gedeckten Rahmen. Grundsatzfragen sind in diesem Zusammenhang nicht zu

beantworten.

b) Der Beteiligte zu 1 hatte seiner Berechnung eine um 5 v.H. auf

30 v.H. erhöhte Grundvergütung zugrundegelegt, während die Vorinstanzen

übereinstimmend von einem Bruchteil von 25 v.H. ausgegangen sind. Auch

insoweit stellt sich keine Grundsatzfrage.

aa) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist es im Aus-

gangspunkt angemessen, dem vorläufigen Insolvenzverwalter 25 v.H. der Ver-

gütung des endgültigen Insolvenzverwalters zuzubilligen (BGH, Beschl. v.

24. Juni 2003 - IX ZB 453/02, ZIP 2003, 1759; v. 17. Juli 2003 - IX ZB 10/03,

ZIP 2003, 1612). Von diesem Ausgangssatz aus sind beim "schwachen" vor-

läufigen Insolvenzverwalter mit Zustimmungsvorbehalt je nach der konkreten

Art und Weise, wie er von seinen Befugnissen Gebrauch gemacht hat, Zu- und

Abschläge vorzunehmen (BGH, Beschl. v. 17. Juli 2003 - IX ZB 10/03, aaO).

Hierbei muß das Leistungsbild der entfalteten Verwaltertätigkeit im Einzelfall

gewürdigt und zu dem Grundsatz einer leistungsangemessenen Vergütung

(§ 21 Abs. 2 Nr. 1, § 63 InsO) in Beziehung gesetzt werden (BGH, Beschl. v.

17. Juli 2003 - IX ZB 10/03, aaO).

bb) Das Beschwerdegericht ist in der Weise verfahren, daß es das er-

höhte Haftungsrisiko wegen der desolaten Buchhaltung, die überdurchschnittli-

che Größe des Betriebes und die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes jeweils

mit weiteren Zuschlägen berücksichtigt, es im übrigen aber bei der Grundver-

gütung von 25 v.H. belassen hat. Es hat den Vortrag des Beteiligten zu 1 nicht

als ausreichend angesehen, um neben den gewährten Zuschlägen auch die

Grundvergütung anzuheben. Diese Würdigung fällt in den Verantwortungsbe-

reich des Tatrichters bei der Ermittlung der angemessenen Vergütung im Ein-

zelfall. Die von der Rechtsbeschwerde aufgeworfene Frage, welche Grundver-

gütung ein vorläufiger Insolvenzverwalter zu beanspruchen hat, der faktisch die

Position eines Betriebsleiters einnimmt, stellt sich nach dem vom Beschwerde-

gericht zugrunde gelegten Sachverhalt nicht.

Fischer

Ganter

Kayser

Richter am BGH Neškovi(cid:1) ist in Urlaub und daher verhindert zu unterschreiben.

Fischer

Vill