BGH Urteil vom 27.03.2007 – VI ZR 101/06
VI. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
Verkündet am: 27. März 2007 Holmes, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Ein Unterlassungsanspruch wegen eines in ein Meinungsforum im Internet eingestell-
ten ehrverletzenden Beitrags kann auch dann gegen den Betreiber des Forums ge-
geben sein, wenn dem Verletzten die Identität des Autors bekannt ist.
BGH, Urteil vom 27. März 2007 - VI ZR 101/06 - OLG Düsseldorf
LG Düsseldorf
Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 27. März 2007 durch die Vizepräsidentin Dr. Müller und die Richter
Dr. Greiner, Wellner, Pauge und Stöhr
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Klägers wird unter Zurückweisung des
Rechtsmittels im Übrigen das Urteil des 15. Zivilsenats des Ober-
landesgerichts Düsseldorf vom 26. April 2006 im Kostenpunkt und
insoweit aufgehoben, als die Klage hinsichtlich des Klageantrags
zu b) abgewiesen worden ist.
Die Anschlussrevision der Beklagten wird zurückgewiesen.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur neuen Verhandlung
und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens,
an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender eines Vereins,
dessen satzungsmäßiger Zweck u.a. die Bekämpfung von Kinderpornographie
im Internet ist. Die Beklagte ist Betreiberin eines Internetforums, das sich mit
sexuellem Missbrauch und Kinderpornographie beschäftigt. Nachdem der Klä-
ger selbst einen Beitrag in das Forum eingestellt hatte, veröffentlichte ein Un-
bekannter dort unter dem Pseudonym "Katzenfreund" einen Beitrag, durch den
sich der Kläger in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt sieht, ebenso durch den
später eingestellten Beitrag eines Autors mit dem Pseudonym "Rumtrauben",
dessen Identität dem Kläger bekannt ist. Der Kläger hat die Beklagte auf Unter-
lassung der Verbreitung dieser Beiträge, Zahlung einer Geldentschädigung von
mindestens 2.000,00 € und Ersatz vorgerichtlicher Rechtsverfolgungskosten in
Höhe von 1.187,38 € in Anspruch genommen.
Das Landgericht hat der Klage hinsichtlich des Unterlassungsbegehrens
bezüglich beider Beiträge und eines Teils der geltend gemachten Rechtsverfol-
gungskosten stattgegeben. Auf die Berufung der Beklagten hat das Oberlan-
desgericht die Klage hinsichtlich des Beitrags des dem Kläger bekannten Ver-
fassers "Rumtrauben" und der insoweit beanspruchten Rechtsverfolgungskos-
ten abgewiesen. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision begehrt
der Kläger die Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils. Die Beklagte
erstrebt mit der Anschlussrevision die vollumfängliche Klageabweisung.
Entscheidungsgründe
I.
Das Berufungsgericht, dessen Entscheidung in AfP 2006, 267 veröffent-
licht ist, beurteilt den Beitrag des Autors "Katzenfreund" als Meinungsäußerung,
die den Kläger in seiner Ehre verletze. Die Diffamierung werde nicht durch die
eigenen Beiträge des Klägers gerechtfertigt, mit denen dieser sich zuvor in dem
Forum in negativer Weise über seine Diskussionsgegner geäußert habe. Hin-
sichtlich dieses Beitrags bestehe ein Unterlassungsanspruch gegen die Beklag-
te, weil sie als Betreiberin des Forums die Äußerung verbreite und sich insoweit
nicht auf das Grundrecht der Meinungsäußerungsfreiheit berufen könne. Dem-
gegenüber habe der Kläger keinen Unterlassungsanspruch gegen die Beklagte
hinsichtlich des Beitrags des ihm bekannten Autors "Rumtrauben". Im Falle der
Kenntnis von der Identität des Autors sei bei einem Meinungsforum vorrangig
derjenige in Anspruch zu nehmen, der sich geäußert habe. Ein Anspruch auf
Ersatz von Rechtsverfolgungskosten bestehe nur in Höhe von 310,65 € hin-
sichtlich des Beitrags des Autors "Katzenfreund".
II.
Das angefochtene Urteil hält den Angriffen der Revision nicht stand. Die
Anschlussrevision der Beklagten hat keinen Erfolg.
1. Rechtlich zutreffend und von den Parteien im Revisionsrechtszug auch
nicht angegriffen wertet das Berufungsgericht den Beitrag des Autors "Katzen-
freund" als Meinungsäußerung, die den Kläger wegen ihn schmähender Inhalte
in seiner Ehre verletzt und dessen Verbreitung er deshalb nicht hinnehmen
muss. Im Ansatz zutreffend nimmt das Berufungsgericht auch an, dass die Be-
klagte als Betreiberin des Internetforums bei Kenntniserlangung von unzulässi-
gen Inhalten zum Sperren bzw. Entfernen des von einem Dritten eingestellten
Beitrags verpflichtet sein kann.
a) Diese Verpflichtung ergibt sich allerdings nicht, wie es im Berufungsur-
teil anklingt, aus § 11 Nr. 2 TDG oder § 9 Nr. 2 MDStV. Für die Beurteilung des
in die Zukunft gerichteten Unterlassungsanspruchs des Klägers ist das im Zeit-
punkt der Entscheidung geltende Recht maßgebend (BGHZ 131, 308, 311 f.),
welches grundsätzlich auch vom Revisionsgericht zu berücksichtigen ist (BGHZ
9, 101 f.). Abzustellen ist mithin auf die mit dem Gesetz zur Vereinheitlichung
von Vorschriften über bestimmte elektronische Informations- und Kommunikati-
onsdienste (Elektronischer-Geschäftsverkehr-Vereinheitlichungsgesetz-ElGVG)
vom 26. Februar 2007 am 1. März 2007 in Kraft getretenen Vorschriften des
Telemediengesetzes (BGBl I S. 179), welches an die Stelle des Teledienstege-
setzes und des Medienstaatsvertrages getreten ist. Die im Telemediengesetz
enthaltenen Vorschriften zur Verantwortlichkeit von Diensteanbietern (§§ 7 bis
10 TMG) haben die Regelungen des Teledienstegesetzes und die für Medien-
dienste bisher geltenden entsprechenden Regelungen des Medienstaatsvertra-
ges unverändert übernommen (vgl. Begründung der Bundesregierung zum Ge-
setzesentwurf vom 26. Oktober 2006, BT-Drucks. 16/3078, S. 15). Die diesbe-
züglichen Vorschriften weisen keinen haftungsbegründenden Charakter auf und
enthalten ebenso wie schon die §§ 8 bis 11 TDG in der Fassung von Art. 1
Nr. 4 des Gesetzes vom 14. Dezember 2001 (BGBl I S. 3721) keine An-
spruchsgrundlagen. Wie sich aus § 7 Abs. 1 TMG ergibt, setzen die nachfol-
genden Bestimmungen des Gesetzes ebenso wie schon § 8 Abs. 1 TDG und
§ 5 TDG i.d.F. vom 22. Juli 1997 (BGBl I S. 1870) eine Verantwortlichkeit nach
allgemeinen Vorschriften des Zivil- oder Strafrechts voraus (vgl. Senatsurteil
vom 23. September 2003 - VI ZR 335/02 - VersR 2003, 1546 [zu § 5 TDG a.F.]
m.w.N.; Stadler, Haftung für Informationen im Internet, 2. Aufl., Rn. 18). Nach
Auffassung des Schrifttums kommt diesen Vorschriften deshalb eine Art "Filter-
funktion" zu (vgl. Sobola/Kohl, CR 2005, 443, 445 m.w.N.). Vorliegend beruht
der Unterlassungsanspruch des Klägers auf § 823 Abs. 1 BGB i.V.m. § 1004
Abs. 1 BGB analog sowie § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 185 StGB.
b) Eine Einschränkung der Verantwortlichkeit lässt sich vorliegend insbe-
sondere nicht aus der Haftungsprivilegierung nach § 10 TMG herleiten. Diese
Vorschrift findet ebenso wie § 11 TDG, worauf die Revisionserwiderung mit
Recht hinweist, auf Unterlassungsansprüche keine Anwendung. Wie sich aus
§ 7 Abs. 2 TMG und dem Gesamtzusammenhang der gesetzlichen Regelung
ergibt, betrifft § 10 TMG lediglich die strafrechtliche Verantwortlichkeit und die
Schadensersatzhaftung (BGHZ 158, 236, 246 ff. zu § 11 S. 1 TDG). Unterlas-
sungsansprüche bleiben von dieser Vorschrift - ebenso wie auch schon von
§§ 8, 11 TDG bzw. § 5 TDG Abs. 1 bis 3 a.F. - unberührt (BGHZ aaO, S. 248).
c) Dem Unterlassungsanspruch steht auch nicht entgegen, dass der be-
anstandete Beitrag vorliegend in ein so genanntes Meinungsforum eingestellt
worden ist. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts können die Grund-
sätze, die der erkennende Senat für Fernsehsendungen aufgestellt hat, die
- wie etwa Live-Diskussionen - einen "Markt der Meinungen" eröffnen (Senats-
urteil BGHZ 66, 182, 188, "Panorama"), auf den vorliegenden Fall nicht über-
tragen werden. Bei der Frage, ob das Fernsehen allein wegen des Ausstrahlens
einer ehrverletzenden Äußerung belangt werden kann, ist den Besonderheiten
Rechnung zu tragen, die sich aus seiner Rolle und den Möglichkeiten und
Zwängen fernsehgerechter Darstellung ergeben. Mit Rücksicht darauf hat der
erkennende Senat seinerzeit entschieden, dass eine Störerhaftung der Fern-
sehanstalt zu verneinen sein kann, wenn während der Live-Übertragung einer
Fernsehdiskussion eine ehrverletzende Äußerung durch einen Dritten erfolgt
oder wenn das Fernsehen die kritische Äußerung eines Dritten aufgreift, ohne
sich mit ihr zu identifizieren (Senatsurteil BGHZ aaO, S. 189 f.).
Diese Überlegungen sind auf ein im Internet eröffnetes Meinungsforum
nicht übertragbar. Die Revision weist zu Recht darauf hin, dass die für Live-
Sendungen in Rundfunk und Fernsehen geltende mediale Privilegierung sich
nicht auf Wiederholungen erstrecken kann, da dem Veranstalter hier die Mög-
lichkeit offen steht, die (erneute) Verbreitung von Äußerungen Dritter zu verhin-
dern (Jürgens, CR 2006, 188, 189; Pankoke, Von der Presse- zur Providerhaf-
tung, 2000, S. 90). Entsprechendes gilt für Internetforen, sofern dem Betreiber
- wie vorliegend unstreitig - die erfolgte Rechtsverletzung bekannt ist. In dem
Unterlassen, einen als unzulässig erkannten Beitrag zu entfernen, liegt eine der
Wiederholung einer Rundfunk- oder Fernsehaufzeichnung vergleichbare Perpe-
tuierung der Verletzung des Persönlichkeitsrechts des Betroffenen. Der Betrei-
ber eines Internetforums ist "Herr des Angebots" und verfügt deshalb vorrangig
über den rechtlichen und tatsächlichen Zugriff. Internetangebote sind - wie etwa
auch Aufzeichnungen im Fernsehen - dem nachträglichen Zugriff des Anbieters
in keiner Weise entzogen. Auch wenn von ihm keine Prüfpflichten verletzt wer-
den, so ist er doch nach allgemeinem Zivilrecht zur Beseitigung und damit zur
Unterlassung künftiger Rechtsverletzungen verpflichtet (Jürgens/Köster, AfP
2006, 219, 222).
d) Entgegen der Meinung der Anschlussrevision kann die Beklagte dem
Unterlassungsanspruch auch nicht mit Erfolg entgegenhalten, der Kläger habe
diese Äußerungen durch von ihm selbst zuvor in das Forum eingestellte eigene
Beiträge provoziert. Die Teilnahme an einem Meinungsforum kann nicht als
stillschweigende Erklärung der Einwilligung in Ehrverletzungen innerhalb dieses
Forums gewertet werden. Es mag sein, dass der Teilnehmer eines Forums, in
dem, wie es häufig und auch vorliegend der Fall ist, Äußerungen unter einem
Pseudonym eingestellt werden können, im Einzelfall damit rechnen muss, dass
er dort von anonym bleibenden Personen angegriffen und möglicherweise in
seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Wer dieses Risiko ein-
geht, verzichtet damit aber grundsätzlich nicht auf Abwehransprüche hinsicht-
lich künftiger Ehrverletzungen. Unterlassungsansprüche sind ihm deshalb nicht
abgeschnitten.
Der Kläger muss die in dem beanstandeten Beitrag enthaltene Ehrverlet-
zung auch nicht nach den Grundsätzen der Meinungsäußerungsfreiheit im
Rahmen einer öffentlichen Auseinandersetzung hinnehmen, bei der die Vermu-
tung zugunsten der freien Rede sprechen kann (vgl. BVerfGE 7, 198, 212 =
NJW 1958, 257; BVerfGE 54, 120, 139 = NJW 1980, 2069; BVerfGE 61, 1, 7 =
NJW 1983, 1415; BVerfG NJW 1990, 1980). Der Schutz von Meinungsäuße-
rungen tritt nämlich regelmäßig hinter dem Persönlichkeitsrechtsschutz zurück,
wenn sich die betreffenden Äußerungen - wie vorliegend - als Schmähung dar-
stellen (vgl. BVerfGE 82, 272, 281 = NJW 1991, 95).
2. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts kommt ein Unterlas-
sungsanspruch vorliegend auch hinsichtlich des Beitrags b) des Autors "Rum-
trauben" in Betracht.
a) Die zivilrechtliche Verantwortlichkeit des Betreibers eines Internetfo-
rums für dort eingestellte Beiträge entfällt nicht deshalb, weil dem Verletzten die
Identität des Autors bekannt ist. Wird ein ehrverletzender Beitrag in ein Forum
eingestellt, ist der Betreiber als Störer i.S.v. § 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB zur Un-
terlassung verpflichtet. Ebenso wie der Verleger die Quelle einer von einem
Presseerzeugnis ausgehenden Störung beherrscht und deshalb grundsätzlich
neben dem Autor eines beanstandeten Artikels verantwortlich ist (vgl. Senatsur-
teile BGHZ 3, 270, 275 ff. und 14, 163, 174; Löffler/Steffen, Presserecht,
5. Aufl., LPG § 6, Rn. 276 f.), kann beim Fernsehen das Sendeunternehmen als
"Herr der Sendung" zur Unterlassung verpflichtet sein (Senatsurteil BGHZ 66,
182, 188). Diese Grundsätze gelten auch für den Betreiber eines Internetfo-
rums, der insoweit "Herr des Angebots" ist. Der gegen ihn gerichtete Unterlas-
sungsanspruch des Verletzten besteht in gleicher Weise unabhängig von des-
sen Ansprüchen gegen den Autor eines dort eingestellten Beitrags.
b) An einer Sachentscheidung darüber, ob vorliegend ein Unterlas-
sungsanspruch gegen die Beklagte hinsichtlich des Beitrags des Autors "Rum-
trauben" besteht, ist der Senat gehindert, weil das Berufungsgericht keine Fest-
stellungen zum Inhalt dieses Beitrags getroffen und diesen auch nicht rechtlich
gewürdigt hat.
3. Hinsichtlich der Entscheidung des Berufungsgerichts über den An-
spruch des Klägers auf Erstattung vorgerichtlicher Rechtsverfolgungskosten
haben die beiderseitigen Rechtsmittel keinen Erfolg, da die Revision und die
Anschlussrevision insoweit nicht begründet worden sind.
Müller Greiner Wellner
Pauge Stöhr
Vorinstanzen:
LG Düsseldorf, Entscheidung vom 14.09.2005 - 12 O 440/04 -
OLG Düsseldorf, Entscheidung vom 26.04.2006 - I-15 U 180/05 -