BGH Urteil vom 02.10.2009 – V ZR 235/08
V. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
URTEIL
Verkündet am: 2. Oktober 2009 Weschenfelder Justizhauptsekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
BGHZ:
BGHR:
ja
ja
ja
WEG §§ 23 Abs. 4; 46 Abs. 1 Satz 2
a) Eine Verlängerung der Begründungsfrist des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG sieht das Gesetz nicht vor; eine nach der höchstrichterlichen Klärung dieser Frage bewilligte Fristverlängerung ist unwirksam.
b) Sind die Fristen des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG gewahrt, ist lediglich zu prüfen, ob ein Rechtsfehler vorliegt, der den Bestand des angegriffe- nen Beschlusses berührt; zwischen Anfechtungs- und Nichtigkeits- gründen (§ 23 Abs. 4 WEG) braucht dann nicht unterschieden zu werden.
BGH, Urteil vom 2. Oktober 2009 - V ZR 235/08 - LG Dessau-Roßlau
AG Wernigerode
Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 2. Oktober 2009 durch den
Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, den Richter Dr. Klein, die Richterin
Dr. Stresemann und die Richter Dr. Czub und Dr. Roth
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Kläger und ihres Streithelfers wird das Urteil
der 6. Zivilkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau vom 20. No-
vember 2008 aufgehoben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Berufungsge-
richt zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Parteien sind die Mitglieder einer Wohnungseigentümergemein-
schaft. Am 9. August 2007 ist bei dem Amtsgericht der "Antrag" der Kläger ein-
gegangen, die in der Eigentümerversammlung vom 9. Juli 2007 gefassten
Beschlüsse für ungültig zu erklären. Die unter dem 29. August 2007 ange-
forderte Verfahrensgebühr haben die Kläger am 6. September 2007 entrichtet.
Am 10. September 2007 (Montag) haben sie beantragt, die Frist zur Anfech-
tungsbegründung bis zum 9. Oktober 2007 zu verlängern. Diesem Antrag hat
das Amtsgericht am 20. September 2007 stattgegeben. Mit am 2. und
9. Oktober 2007 eingegangenen Schriftsätzen haben die Kläger die Klage im
Einzelnen begründet und beantragt, die zu TOP 4, 5, 9 bis 13, 16 und 17 er-
gangenen Beschlüsse "für nichtig zu erklären" bzw. deren "Ungültigkeit festzu-
stellen". Für den Fall, dass die Klagebegründungsfrist des § 46 Abs. 1 Satz 2
WEG versäumt worden sein sollte, haben sie vorsorglich Wiedereinsetzung in
den vorigen Stand beantragt. Im ersten Rechtszug hatten sich die Kläger zu-
nächst von Rechtsanwalt B. vertreten lassen, der dem Rechtsstreit nach
Beendigung des Mandats als ihr Streithelfer beigetreten ist.
Das Amtsgericht hat die Klage unter Zurückweisung des Wiedereinset-
zungsgesuchs abgewiesen. Die dagegen gerichtete Berufung ist erfolglos
geblieben. Mit der von dem Landgericht zugelassenen Revision möchten die
Kläger und ihr Streithelfer weiterhin die angefochtenen Beschlüsse zu Fall brin-
gen. Die Beklagten beantragen die Zurückweisung des Rechtsmittels.
Entscheidungsgründe
I.
Das Berufungsgericht hält die Klage für unbegründet. Die beanstandeten
Beschlüsse seien allenfalls anfechtbar, so dass es auf die Einhaltung der zwei-
monatigen Begründungsfrist des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG ankomme. Die erst
im Oktober 2007 eingegangenen Schriftsätze hätten diese Frist jedoch nicht
mehr wahren können. Die Frist sei nicht verlängerbar. Für eine entsprechende
Anwendung des § 520 Abs. 2 Satz 2 ZPO sei kein Raum. Dass das Amtsgericht
die Frist unzulässigerweise verlängert habe und die Klage innerhalb der verlän-
gerten Frist begründet worden sei, rechtfertige keine andere Bewertung, weil
die Kläger nicht auf die Verlängerbarkeit der Frist hätten vertrauen dürfen. Dar-
an scheitere auch eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand.
II.
Die Revision führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Zurück-
verweisung der Sache an das Berufungsgericht.
1. Das Rechtsmittel ist insgesamt zulässig. Der Senat hat bereits ent-
schieden, dass auf denselben Lebenssachverhalt gestützte Anfechtungs- und
Nichtigkeitsgründe keine unterschiedlichen Streitgegenstände betreffen, weil
Anfechtungs- und Nichtigkeitsklage materiell dasselbe Ziel verfolgen (BGHZ
156, 279, 294; ebenso etwa Dötsch, ZMR 2008, 433, 434 f.; Jennißen/
Suilmann, WEG, § 46 Rdn. 13, 15 u.157; Wenzel in Bärmann, WEG, 10. Aufl.,
§ 43 Rdn. 100 u. § 46 Rdn. 72; vgl. auch BGHZ 134, 364, 366; 152, 1, 3 ff.).
Schon deshalb vermag die Argumentation der Beklagten, das Berufungsgericht
habe die Zulassung der Revision wirksam auf die Anfechtungsklage beschränkt,
nicht zu überzeugen. Sie ist darauf in der mündlichen Verhandlung vor dem
Senat auch nicht mehr zurückgekommen.
2. Die Revision ist auch begründet.
a) Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts hat die Klägerin die
zweimonatige Begründungsfrist des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG gewahrt, so dass
eine darauf gestützte Abweisung der Klage als unbegründet ausscheidet. Die
dem Begründungserfordernis genügenden Schriftsätze vom 2. und 9. Oktober
2007 sind rechtzeitig eingegangen.
aa) Zutreffend ist allerdings der rechtliche Ausgangspunkt des Be-
rufungsgerichts, wonach das Gesetz eine Verlängerung der Fristen des § 46
Abs. 1 WEG nicht vorsieht.
(1) Offen bleiben kann, ob dieses Ergebnis, wie das Berufungsgericht
meint, auf § 224 Abs. 2 ZPO gestützt werden kann, wonach gesetzliche Fristen
nur in den besonders bestimmten Fällen verlängert (oder abgekürzt) werden
können. Der Senat hat bereits entschieden, dass die Begründungsfrist des § 46
Abs. 1 Satz 2 WEG als eine die Beschlussanfechtung materiellrechtlich aus-
schließende Regelung zu qualifizieren ist (Urt. v. 16. Januar 2009, V ZR 74/08,
ZfIR 2009, 514, 515 f., zur Veröffentlichung in BGHZ 179, 230 ff. vorgesehen).
Es begegnet jedoch ernstlichen Zweifeln, ob § 224 ZPO überhaupt auf Aus-
schlussfristen des materiellen Rechts anwendbar ist (ablehnend Dötsch, ZMR
2008, 433, 437; Zöller/Stöber, ZPO, 27. Aufl., § 224 Rdn. 1; a.A. wohl Jenni-
ßen/Suilmann, aaO, § 46 Rdn. 104). Die Frage braucht aber letztlich nicht ent-
schieden zu werden. Verlängerungen der Begründungsfrist stellen jedenfalls
privatrechtsgestaltende Eingriffe zu Lasten der anderen (gegnerischen) Woh-
nungseigentümer dar und bedürfen als solche einer Ermächtigungsgrundlage.
Eine solche ist nicht ersichtlich.
(2) Das Gesetz ordnet lediglich eine entsprechende Geltung der Rege-
lungen über die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand an (§ 46 Abs. 1 Satz 3
WEG). Die Möglichkeit einer Verlängerung der Fristen des § 46 Abs. 1 Satz 2
WEG sieht es nicht vor. Eine Heranziehung der für Rechtsmittelbegründungs-
fristen geltenden Vorschriften der §§ 520 Abs. 2 Satz 1, 551 Abs. 2 Satz 5, 575
Abs. 2 Satz 3 ZPO im Wege der (Rechts-)Analogie scheidet mangels Vorlie-
gens einer planwidrigen Gesetzeslücke aus (gegen eine Verlängerungsmög-
lichkeit auch LG Hamburg ZMR 2008, 414, 415; Niedenführ, NJW 2008, 1768,
1770; Jennißen/Suilmann, WEG, § 46 Rdn. 104; Wenzel in Bärmann, aaO, § 46
Rdn. 55; Bergerhoff, NZM 2007, 425, 427; Palandt/Bassenge, BGB, 68. Aufl.,
§ 46 WEG Rdn. 5; a.A. Sauren, NZM 2007, 857, 858; Stellungnahme des Deut-
schen Anwaltvereins
zur WEG-Reform, NZM
2006,
767,
772;
BeckOK/Scheel, WEG, § 46 Rdn. 23; vgl. auch Abramenko in Riecke/Schmid,
WEG, 2. Aufl., § 46 Rdn. 8; Elzer in Hügel/Elzer, Das neue WEG-Recht, 2007,
§ 13 Rdn. 155).
(a) Bereits die materiellrechtliche Rechtsnatur der Begründungsfrist
spricht eher gegen eine analoge Anwendung von Regelungen, die im Kontext
zivilprozessualer Begründungserfordernisse stehen
(vgl. auch Jennißen/
Suilmann, aaO).
(b) Davon abgesehen ist zu bedenken, dass sich der Gesetzgeber bei
der Ausgestaltung des § 46 Abs. 1 WEG an der aktienrechtlichen Anfechtungs-
klage orientiert hat (vgl. BT-Drs. 16/887 S. 38). Für diese Klage verlangt das
Gesetz zwar nicht ausdrücklich eine Begründung innerhalb einer bestimmten
Frist. Es entspricht jedoch der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichts-
hofs, dass der Kläger zur Vermeidung eines materiellrechtlichen Ausschlusses
(vgl. dazu nur Hüffer, AktG, 8. Aufl., § 246 Rdn. 20 m.w.N.) innerhalb der ein-
monatigen Anfechtungsfrist des § 246 AktG zumindest den wesentlichen tat-
sächlichen Kern der Gründe vortragen muss, auf die er die Anfechtung stützt
(vgl. nur BGHZ 120, 141, 156 f.; BGH, Urt. v. 14. März 2005, II ZR 153/03, WM
2005, 802, 804; jeweils m.w.N.); ein Nachschieben von neuen Gründen nach
Ablauf der Frist ist ausgeschlossen (BGH, Urt. v. 12. Dezember 2005, II ZR
253/03, NJW-RR 2006, 472 m.w.N.; ebenso nunmehr für die Begründungsfrist
des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG Senat, Urt. v. 16. Januar 2009, V ZR 74/08, ZfIR
2009, 514, 517; Urt. v. 27. März 2009, V ZR 196/08, ZfIR 2009, 518, 519, zur
Veröffentlichung in BGHZ vorgesehen). Für die Ausschlussfrist des § 246 AktG
sieht das Gesetz keine Verlängerungsmöglichkeit vor; eine analoge Heranzie-
hung der für die Verlängerung von Rechtsmittelbegründungsfristen geltenden
Vorschriften wird nicht befürwortet (vgl. MünchKomm-AktG/Hüffer, 2. Aufl.,
m.w.N.).
Dieses Normkonzept hat der Gesetzgeber für die Anfechtungsklage nach
dem Wohnungseigentumsgesetz bewusst übernommen. Den Materialien ist klar
zu entnehmen, dass die "rigiden Wirkungen der Ausschlussfrist" nur in begrün-
deten Ausnahmefällen durch die entsprechende Anwendung der Regeln über
die Wiedereinsetzung abgefedert werden sollten (vgl. BT-Drs. 16/887 S. 38).
Dass die Frist zur Begründung im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens durch
die Einfügung des § 46 Abs. 1 Satz 2 WEG auf zwei Monate verlängert wurde,
ändert daran nichts. Mit dieser Maßnahme sollte lediglich dem Umstand Rech-
nung getragen werden, dass die Niederschrift über die Eigentümerversamm-
lung den Wohnungseigentümern nicht selten erst kurz vor Ablauf der Anfech-
tungsfrist zur Verfügung steht und damit die Zeit zur Begründung knapp werden
kann (BT-Drs., aaO, S. 73). Schon deshalb kann von einer planwidrigen Geset-
zeslücke nicht die Rede sein.
(c) Das gilt umso mehr, wenn man die Funktion in den Blick nimmt, die
der materiellrechtlichen Begründungsfrist zukommt. Die Regelung sichert den
zeitnahen Eintritt der Bestandskraft anfechtbarer Beschlüsse und gewährleistet
damit über die Herstellung von Rechtssicherheit und Rechtsklarheit die ord-
nungsgemäße Verwaltung des gemeinschaftlichen Eigentums. Ihr Zweck be-
steht darin, dass für die Wohnungseigentümer und für den zur Ausführung von
Beschlüssen berufenen Verwalter zumindest im Hinblick auf Anfechtungsgrün-
de alsbald Klarheit darüber hergestellt wird, ob, in welchem Umfang und auf-
grund welcher tatsächlichen Grundlage gefasste Beschlüsse einer gerichtlichen
Überprüfung unterzogen werden (Senat, Urt. v. 16. Januar 2009, V ZR 74/08,
ZfIR 2009, 514, 517; Urt. v. 27. März 2009, V ZR 196/08, ZfIR 2009, 518, 519).
Vor diesem Hintergrund wäre es wenig überzeugend, den Eintritt der Bestands-
kraft in richterliches Ermessen zu stellen. Die Wiedereinsetzung in den vorigen
Stand kommt demgegenüber nur in begründeten Ausnahmekonstellationen
zum Tragen (BT-Drs., aaO, S. 38). Frei von Ermessenserwägungen ist sie al-
lein an das Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen geknüpft.
(d) Entgegen der Auffassung der Revision gebieten verfassungsrechtli-
che Überlegungen nicht die Annahme einer ausfüllungsbedürftigen Regelungs-
lücke. Die der zweimonatigen Begründungsfrist zugrunde liegende Erwartung,
dass innerhalb dieses Zeitraumes jedenfalls in der Mehrzahl der Fälle die An-
fechtung unter Berücksichtigung der Niederschrift über die Versammlung der
Wohnungseigentümer begründet werden kann, hält sich innerhalb des dem Ge-
setzgeber zustehenden Einschätzungsspielraums. Einen bestimmten Weg zur
Bereinigung von Härtefällen gibt die Verfassung nicht vor. Es ist daher verfas-
sungsrechtlich unbedenklich, wenn der Gesetzgeber hierfür den Weg über die
Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewählt hat (§ 46 Abs. 1 Satz 3 WEG
i.V.m. §§ 233 ff. ZPO) und er auf diese Weise die widerstreitenden Belange der
Wohnungseigentümer austariert hat.
bb) Einer revisionsrechtlichen Überprüfung nicht stand hält dagegen die
Annahme des Berufungsgerichts, die verfügte Fristverlängerung entfalte keine
Rechtswirkungen. Nach der gefestigten Rechtsprechung des Bundesgerichts-
hofs ist bei der Prüfung der Frage, ob eine fehlerhafte Fristverlängerung wirk-
sam ist, auf den allgemeinen Grundsatz der Wirksamkeit rechtsfehlerhaft er-
gangener gerichtlicher Entscheidungen und auf Vertrauensschutzgesichtspunk-
te abzustellen. Danach darf jedenfalls eine Prozesspartei, der auf ihren recht-
zeitig vor Fristablauf gestellten Antrag eine Fristverlängerung gewährt worden
ist, grundsätzlich davon ausgehen, dass die betreffende richterliche Verfügung
wirksam ist (vgl. nur BGH, Beschl. v. 18. November 2003, VIII ZB 37/03, NJW
2004, 1460 m.w.N.). Das gilt bei unklarer Rechtslage selbst dann, wenn die
Fristverlängerung von einem funktionell unzuständigen Gericht gewährt (BGH,
Beschl. v. 21. Dezember 2004, KVZ 3/04, NJW-RR 2005, 769) wurde, und im
Übrigen auch dann, wenn der Verlängerungsantrag erst kurz vor Fristablauf
gestellt wurde. Die auf einen rechtzeitigen Antrag hin bewilligte Fristverlänge-
rung kommt der Partei nur dann nicht zu Gute, wenn die Verlängerung
schlechthin und offensichtlich ausgeschlossen war (vgl. Senat, Beschl. v. 5. Juli
2007, V ZB 48/06, NJW-RR 2008, 146). Hiervon abzurücken, sieht der Senat
– entgegen der Argumentation der Beklagten in der mündlichen Revisionsver-
handlung – keine Veranlassung. Ob diese Kriterien auch Geltung bei der Be-
antwortung der anders gelagerten Frage beanspruchen können, unter welchen
Voraussetzungen die Bindungswirkung einer von dem Berufungsgericht zu Un-
recht ausgesprochene Revisionszulassung zu verneinen ist, braucht hier nicht
erörtert zu werden.
Dass die gewährte Fristverlängerung schlechthin und offensichtlich aus-
geschlossen war, lässt sich – anders als für Fristverlängerungen, die nach der
nunmehr herbeigeführten höchstrichterlichen Klärung ausgesprochen werden –
nicht sagen. Die Verlängerung hat das Amtsgericht am 20. September 2007
und damit vor der Senatsentscheidung zur materiellrechtlichen Einordnung der
Begründungsfrist (Urt. v. 16. Januar 2009, V ZR 74/08, ZfIR 2009, 514, 515 f.)
bewilligt. Vor dem Hintergrund des Standorts der Regelung des § 46 WEG im
verfahrensrechtlichen Teil des Wohnungseigentumsgesetzes war die Qualifizie-
rung als prozessuale Frist und die auf dieser Grundlage befürwortete analoge
Anwendung etwa von § 520 Abs. 2 Satz 1 ZPO durchaus vertretbar.
b) Auf der Grundlage des derzeitigen Verfahrensstandes kann die Klage
auch nicht aus anderen Gründen als unbegründet abgewiesen werden. Die An-
fechtungsfrist des § 46 Abs. 1 Satz 1 WEG ist gewahrt. Zwar ist die innerhalb
der Monatsfrist eingegangene Klage erst nach Fristablauf zugestellt worden.
Dies ist jedoch nach § 167 ZPO unschädlich, weil die Klage "demnächst" (vgl.
dazu Senat, Urt. v. 16. Januar 2009, V ZR 74/08, ZfIR 2009, 514, 517 m.w.N.)
zugestellt worden ist. Die Kläger haben den angeforderten Kostenvorschuss
zeitnah nach Erhalt der Kostenrechnung eingezahlt. Die erheblich später veran-
lasste Zustellung lag allein in der Sphäre des Gerichts begründet und beruhte
nicht auf von den Klägern zu vertretenden Verzögerungen.
c) Die Sache ist an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, weil das
Berufungsgericht – von seinem Standpunkt aus folgerichtig – die für eine End-
entscheidung durch den Senat erforderlichen Feststellungen nicht getroffen hat
(§ 563 Abs. 1 Satz 1 u. Abs. 3 ZPO). Anfechtungsgründe hat es wegen der von
ihm angenommenen Versäumung der Begründungsfrist nicht geprüft. Ob die
Argumentation der Revision geeignet ist, das auf der Grundlage des Klage-
vorbringens verneinte Vorliegen von Nichtigkeitsgründen auszuräumen, braucht
in dem weiteren Verfahren nicht geklärt zu werden. Der Unterscheidung zwi-
schen Anfechtungs- und Nichtigkeitsgründen kommt rechtserhebliche Bedeu-
tung nur zu, wenn zumindest eine der Fristen des § 46 Abs. 1 WEG versäumt
worden ist. Die Klage kann dann nur noch Erfolg haben, wenn der Beschluss
nach § 23 Abs. 4 Satz 1 WEG nichtig ist (vgl. Senat, Urt. v. 16. Januar 2009,
V ZR 74/08, ZfIR 2009, 514, 517). Sind die Fristen dagegen – wie hier – ge-
wahrt, braucht lediglich geprüft zu werden, ob ein Rechtsverstoß vorliegt, der
den Bestand des angefochtenen Beschlusses berührt. Ob der Rechtsfehler als
Nichtigkeits- oder als Anfechtungsgrund zu qualifizieren ist, spielt in solchen
Fällen keine Rolle (ebenso Dötsch, ZMR 2008, 433, 435 f.; Jennißen/Suilmann,
aaO, § 46 Rdn. 156 u. 159; vgl. auch BayOblG WuM 1992, 642; a.A. Wenzel in
Bärmann, aaO, § 46 Rdn. 77).
aa) Wie bereits (oben II.1.) dargelegt, betreffen auf denselben Lebens-
sachverhalt gestützte Anfechtungs- und Nichtigkeitsgründe keine unterschiedli-
chen Streitgegenstände. Da der Streitgegenstand maßgeblich durch den Antrag
mitbestimmt wird, führt dies dazu, dass sowohl mit einem auf Feststellung der
Nichtigkeit als auch mit einem auf Ungültigkeitserklärung gerichteten Antrag
jeweils das umfassende Rechtschutzziel zum Ausdruck gebracht wird, unter
jedem rechtlichen Gesichtspunkt eine verbindliche Klärung der Gültigkeit des
zur Überprüfung gestellten Eigentümerbeschlusses herbeizuführen (Senat,
BGHZ 156, 279, 294; Dötsch, aaO, 435; vgl. auch BGHZ 134, 364, 366; 152, 1,
5 f.). Es kann daher auch ohne Antragsumstellung die Nichtigkeit des Be-
schlusses ausgesprochen werden, obwohl der Antrag seinem Wortlaut nach
(nur) darauf gerichtet war, den Beschluss für ungültig zu erklären (Senat, aaO,
m.w.N.).
Wegen der Identität des Streitgegenstandes sind auch die Auswirkungen
der Rechtskraft dieselben, gleichgültig, ob die Ungültigkeit des in Rede stehen-
den Beschlusses festgestellt oder durch Urteil ausgesprochen wird (vgl. auch
§ 48 Abs. 4 WEG). Mit dem Eintritt der Rechtskraft steht in beiden Fällen fest,
ob der Beschluss Rechtswirkungen entfaltet oder nicht. Abgesehen von den
Fällen der Fristversäumung nach § 46 Abs. 1 WEG besteht dann aber auch
keine Notwendigkeit, die mitunter nicht einfach zu beantwortende Frage nach
der Einordnung als Anfechtungs- oder Nichtigkeitsgrund (vgl. dazu etwa Merle
in Bärmann, aaO, § 23 Rdn. 143 m.w.N.) zu klären. Ebensowenig muss das
Gericht Beweis über einen Nichtigkeitsgrund erheben, wenn bereits feststeht,
dass ein anderer Rechtsverstoß unter dem Blickwinkel der Anfechtung durch-
greift (Jennißen/Suilmann, aaO, § 46 Rdn. 159; Dötsch, ZMR 2008, 433,
435 f.). Die Klärung auch des Nichtigkeitsgrundes kann der Kläger in derartigen
Fällen allenfalls bei Vorliegen eines besonderen rechtlichen Interesses im Sinne
von § 256 Abs. 1 ZPO erzwingen; für die Anwendung des § 256 Abs. 2 ZPO ist
in solchen Konstellationen kein Raum (vgl. Senat, Urt. v. 16. Juli 2004, V ZR
222/03, NJW 2004, 3330, 3332 m.w.N.).
bb) Der gegen die hier zugrunde gelegte Auffassung erhobene Einwand,
die Frage der rechtlichen Qualifizierung müsse geklärt werden, weil ein bereits
kraft Gesetzes nichtiger Beschluss nicht mit rechtsgestaltender Wirkung für un-
wirksam erklärt werden könne (Wenzel in Bärmann, aaO, § 46 Rdn. 77), recht-
fertigt keine andere Beurteilung (wie hier Jennißen/Suilmann, aaO, § 46 Rdn.
158 f.; vgl. auch BayOblG WuM 1992, 642; Dötsch, aaO), sondern verweist le-
diglich auf das Erfordernis einer sachgerechten – das Ergebnis der Entschei-
dungsgründe spiegelnden – Tenorierung. Bedenkt man, dass der Tenor ohne-
hin im Lichte der Entscheidungsgründe auszulegen ist (vgl. etwa Senat, Urt. v.
30. März 2007, V ZR 179/06, NJW 2007, 2182 m.w.N.), erscheint es unbedenk-
lich, wenn das Gericht – so es die Frage offen lässt, ob ein Anfechtungs- oder
ein Nichtigkeitsgrund durchgreift – den Beschluss für ungültig erklärt. Ein sol-
cher Tenor bringt nicht nur das Entscheidende zum Ausdruck, dass nämlich der
bezeichnete Beschluss keine Rechtswirkungen entfaltet, sondern er deckt auch
die Konstellation der Nichtigkeit mit ab, weil er keine Festlegung dazu enthält,
ob der Ausspruch des Gerichts konstitutiv oder deklaratorisch wirkt. Soweit der
Entscheidung des Senats vom 2. Oktober 2003 (BGHZ 156, 279, 293 f.) etwas
anderes entnommen werden könnte, wird daran nicht weiter festgehalten.
Davon abgesehen zeigt etwa die Lehre von den Doppelwirkungen im
Recht, dass es aus teleologischen Gründen durchaus möglich ist, ein bereits
nichtiges Rechtsgeschäft anzufechten (vgl. dazu etwa Staudinger/Roth, BGB
[2003], § 142 Rdn. 27 ff. m.w.N.). Dem entspricht es, dass auch im verwal-
tungsgerichtlichen Verfahren überwiegend die Aufhebung eines nichtigen Ver-
waltungsaktes nach § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO zugelassen wird (vgl. dazu et-
wa OVG Koblenz NVwZ 1987, 899; Kopp/Schenke, VwGO, 15. Aufl., § 42 Rdn.
3), obwohl § 43 Abs. 1 VwGO für die Feststellung der Nichtigkeit eines Verwal-
tungsaktes ausdrücklich die Feststellungsklage bereitstellt (Bender, VwGO,
4. Aufl., § 42 Rdn. 12). Auch dort steht der prozessökonomische Zweck im Vor-
dergrund, den Gerichten die Prüfung zu ersparen, ob ein fehlerhafter Verwal-
tungsakt "nur" rechtswidrig oder gar nichtig ist. All dies erhellt, dass es aus-
schlaggebend nicht auf eine begrifflich-formale Einordnung ankommt, sondern
auf eine normative Sichtweise, die sachangemessene Problemlösungen ermög-
licht (ähnlich Jennißen/Suilmann, aaO, § 46 Rdn. 158).
Krüger
Klein
Stresemann
Czub
Roth
Vorinstanzen:
AG Wernigerode, Entscheidung vom 18.06.2008 - 9 C 571/07 WEG -
LG Dessau-Roßlau, Entscheidung vom 20.11.2008 - 6 S 116/08 -