BGH Urteil vom 18.01.2001 – VII ZR 457/98
VII. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 18. Januar 2001 Heinzelmann, Justizangestellte als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
Nachschlagewerk: ja
BGHZ: nein
BGB § 631
Auch wenn sich ein Bauherr die Sachkunde seines Bauleiters zurechnen lassen
muß, entfällt dadurch allein die Prüfungs- und Hinweispflicht des Unternehmers
nicht.
BGH, Urteil vom 18. Januar 2001 - VII ZR 457/98 - OLG Celle LG Hannover
Der VII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 18. Januar 2001 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Ullmann und die
Richter Dr. Haß, Hausmann, Dr. Wiebel und Wendt
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 16. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Celle vom 10. November 1998 im Ko-
stenpunkt und insoweit aufgehoben, als der Klage in Höhe von
20.880,21 DM (Aufrechnungsbetrag) und Zinsen stattgegeben
worden ist.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur erneuten Verhand-
lung und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsver-
fahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Klägerin, eine Gesamtvollstreckungsverwalterin, fordert von der Be-
klagten Restwerklohn.
Die Beklagte erteilte der B. & S. GmbH, über deren Vermögen Anfang
1995 das Gesamtvollstreckungsverfahren eröffnet wurde (künftig: Gemein-
schuldnerin), Ende 1992/Anfang 1993 mehrere schriftliche Aufträge, Sanie-
rungsmaßnahmen an ihrem Hausgrundstück in C. entsprechend einem Sanie-
rungsplan durchzuführen. Auf neun Teilrechnungen der Gemeinschuldnerin
über insgesamt 88.816,57 DM leistete die Beklagte 40.000 DM als Abschlags-
zahlung.
Die Klägerin hat Restwerklohn zuletzt in Höhe von 48.816,57 DM gel-
tend gemacht. Die Beklagte hat die Forderung dem Grunde und der Höhe nach
bestritten und hilfsweise die Aufrechnung mit Schadensersatzansprüchen er-
klärt. Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. Mit der Berufung hat die
Beklagte ihr Bestreiten der Klageforderung aufrechterhalten; sie hat ihre zur
Aufrechnung gestellten Ansprüche auf den Mangel der fehlenden waagerech-
ten Abdichtung des Kellerbodens ihres Hauses beschränkt. Die Berufung ist
erfolglos geblieben. Der Senat hat die Revision wegen des zur Aufrechnung
gestellten Schadensersatzanspruchs angenommen.
Entscheidungsgründe
Die Revision hat Erfolg. Sie führt im Umfang der Annahme zur Aufhe-
bung des Berufungsurteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Beru-
fungsgericht.
I.
1. Das Berufungsgericht verneint einen Schadensersatzanspruch wegen
der unstreitig fehlenden waagerechten Abdichtung im Keller. Es liege kein
Mangel vor, weil der bauleitende Ingenieur L. von der zunächst vereinbarten
Abdichtung abgesehen und mit der Gemeinschuldnerin vereinbart habe, ledig-
lich Fliesen auf dem Kellerboden zu verlegen. L. sei hierzu bevollmächtigt ge-
wesen, da die Beklagte ihn mit der Abwicklung und der Ausführung der Sanie-
rungsarbeiten beauftragt habe. Die Beklagte könne sich nicht darauf berufen,
sie habe L. unmittelbar nach der letzten Auftragserteilung von seinen Aufgaben
entbunden und dem Geschäftsführer der Gemeinschuldnerin erklärt, sie werde
die Sache nunmehr selbst in die Hand nehmen. Ein Widerruf der Vollmacht sei
nicht anzunehmen, da die Beklagte kurz nach dieser Erklärung L. wiederum als
ihren Ansprechpartner bezeichnet habe. Jedenfalls müsse sie sich die Ände-
rung des Auftrages durch L. nach den Grundsätzen der Duldungs- und An-
scheinsvollmacht zurechnen lassen. Die Beklagte habe zudem keine Frist mit
Ablehnungsandrohung gesetzt; dies sei auch nicht entbehrlich gewesen. Eine
Verletzung der Hinweispflicht der Gemeinschuldnerin liege nicht vor, da diese
sich auf die fachliche Anweisung des L. habe verlassen dürfen.
2. Das hält rechtlicher Nachprüfung nicht stand. Die Auffassung des Be-
rufungsgerichts, ein Schadensersatzanspruch der Beklagten nach § 635 BGB
bestehe nicht, trifft nicht zu.
a) Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts war nach dem ur-
sprünglich der Gemeinschuldnerin erteilten Auftrag eine Abdichtung gegen
Feuchtigkeit im Keller vorgesehen. Diese Abdichtung hat die Gemeinschuldne-
rin nicht ausgeführt und damit das ursprünglich geschuldete Werk nicht ver-
tragsgerecht hergestellt.
Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts ist der Vertrag der
Parteien nicht wirksam abgeändert worden. Der Bauleiter L. war zu der Ände-
rung der vertraglichen Pflichten der Gemeinschuldnerin nicht bevollmächtigt.
Die Beklagte hat nach ihrem Vortrag eine ursprünglich vorhandene Vertre-
tungsmacht des L., sie im Rahmen der Sanierung ihres Hauses zu vertreten,
wirksam widerrufen. Das Berufungsgericht hat die Tragweite der Erklärung der
Beklagten gegenüber dem Geschäftsführer der Gemeinschuldnerin verkannt,
sie habe L. von seinen Aufgaben entbunden und nehme die Sache nunmehr
selbst in die Hand. Danach sollte L., der bis zu diesem Zeitpunkt sowohl mit
der Abwicklung und der Ausführung der Sanierungsarbeiten beauftragt war als
auch rechtgeschäftliche Erklärungen für die Beklagte abgeben durfte, unmiß-
verständlich nicht weiter für die Beklagte tätig sein. Wenn die Beklagte kurz
nach diesem Widerruf L. erneut als Bauleiter und als Ansprechpartner für die
Abstimmung von Leistungen und Terminen benannt hat, lag darin weder eine
Bestätigung der ursprünglichen Vertretungsmacht noch eine neu erteilte Voll-
macht. Ein Bauleiter hat nur insoweit Vertretungsmacht, wie ihn der Auftragge-
ber dazu bevollmächtigt hat (vgl. BGH, Urteil vom 14. Juli 1994 - VII ZR 186/93,
BauR 1994, 760, 761 = ZfBR 1995, 15); daran fehlt es. Die mit der erneuten
Benennung verbundene Erklärung der Beklagten enthielt lediglich eine Be-
schreibung des Aufgabenbereiches des L. als Bauleiter. Das berechtigte ihn
nicht dazu, die vertraglichen Pflichten der Gemeinschuldnerin zu ändern. Seine
erneute Benennung war ohne weitere Anhaltspunkte auch nicht geeignet, ei-
nen Vertrauenstatbestand für eine Rechtscheinsvollmacht zu begründen.
Zu Unrecht vermißt das Berufungsgericht eine Fristsetzung der Beklag-
ten mit Ablehnungsandrohung (§ 634 Abs. 1 BGB). Die dazu erhobene Verfah-
rensrüge der Revision, das Berufungsgericht habe erheblichen Vortrag der Be-
klagten übergangen, hat Erfolg. Nach dem Vortrag der Beklagten hat der Ge-
schäftsführer der Gemeinschuldnerin am 24. Juni 1994 telefonisch gegenüber
dem Ehemann der Beklagten seine ursprünglich erklärte Bereitschaft zur Män-
gelbeseitigung widerrufen und jedwede Nachbesserung mit der Begründung
abgelehnt, sämtliche Leistungen seien mangelfrei. Trifft dies zu, liegt darin eine
ernsthafte und endgültige Erfüllungsverweigerung, die eine Fristsetzung mit
Ablehnungsandrohung entbehrlich macht.
b) Zu Unrecht verneint das Berufungsgericht eine Pflicht der Gemein-
schuldnerin, die Beklagte auf die Folgen des Wegfalls der ursprünglich verein-
barten Abdichtung hinzuweisen. Konnte die Gemeinschuldnerin vor Ausführung
des geänderten Auftrages erkennen, daß eine waagerechte Abdichtung gegen
Feuchtigkeit im Keller nach wie vor erforderlich war, so mußte sie den Baulei-
ter L. und, falls sich L. dem Hinweis verschlossen hätte, die Beklagte selbst
darauf hinweisen. Selbst wenn die Beklagte sich als Bauherrin die Sachkunde
des L. zurechnen lassen mußte, entfiel die Prüfungs- und Unterrichtungspflicht
der Gemeinschuldnerin dadurch allein nicht (vgl. BGH, Urteil vom 30. Juni
1977 - VII ZR 325/74, BauR 1977, 420, 421).
II.
Danach kann das Berufungsurteil im Umfang der Annahme nicht beste-
henbleiben; es ist aufzuheben. Das Berufungsgericht wird nach Zurückverwei-
sung die erforderlichen Feststellungen zum Grund und gegebenenfalls zur Hö-
he des Schadensersatzanspruches der Beklagten zu treffen haben.
Ullmann Haß Hausmann
Wiebel Wendt