Rechtsprechung / BGH

BGH Urteil vom 26.04.2001 – IX ZR 337/98

IX. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

in dem Rechtsstreit

Nachschlagewerk:

ja

BGHZ:

nein

Verkündet am: 26. April 2001 Preuß Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

BGB §§ 765, 138 Bb Abs. 1

Ein einkommensschwacher Bürge ist wirtschaftlich nicht krass überfordert,

wenn er die gesamte Bürgschaftsschuld voraussichtlich durch Verwertung des

von ihm bewohnten Eigenheims zu tilgen vermag.

BGH, Urteil vom 26. April 2001 - IX ZR 337/98 - OLG Köln

LG Köln

Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 26. April 2001 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Kreft und die Richter

Stodolkowitz, Kirchhof, Dr. Fischer und Raebel

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 5. Zivilsenats

des Oberlandesgerichts Köln vom 19. August 1998 im Kosten-

punkt und insoweit aufgehoben, als darin zum Nachteil der Kläge-

rin erkannt ist.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zur anderweiten Ver-

handlung und Entscheidung - auch über die Kosten des Revisi-

onsverfahrens - an den 16. Zivilsenat des Berufungsgerichts zu-

rückverwiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand

Ein Sohn der Beklagten, D. P., war Inhaber einer Gesellschaft für E. und

A. GmbH (nachfolgend: GFE oder Hauptschuldnerin). Diese unterhielt bei der

Klägerin Geschäftskonten. Nachdem die Kontokorrentverbindlichkeiten der

GFE auf 110.000 DM angestiegen waren, unterzeichnete die damals 62jährige

Beklagte - eine Hausfrau und Rentnerin - am 30. November 1992 eine von der

Klägerin formularmäßig vorgefertigte Bürgschaftserklärung zur Sicherung aller

bestehenden und künftigen Ansprüche der Klägerin aus der Geschäftsverbin-

dung mit der GFE bis zum Höchstbetrag von 150.000 DM. Die Beklagte war zu

dieser Zeit und ist hälftige Eigentümerin eines bebauten Grundstücks; die an-

dere Hälfte gehört einer ungeteilten Erbengemeinschaft, an welcher die Be-

klagte wieder zur Hälfte beteiligt war. Sie wohnt auf dem Grundstück. Ihre

Bürgschaftserklärung enthielt unter anderem folgende Zusätze:

"Ich ... verpflichte mich gegen Rückgabe der Bürgschaftsurkunde, bis 31.12.1992 eine Grundschuld über TDM 150 auf dem Objekt ... (es folgt die Bezeichnung des von der Beklagten bewohnten Hau- ses) ... einzutragen ...

...

Die Bürgin wurde auf die schwierige Situation der Gesellschaft hin- gewiesen."

Nach Konkurseröffnung über das Vermögen der GFE übertrug D. P. sei-

nen Anteil an der Erbengemeinschaft auf die Beklagte. Diese erklärte mit An-

waltsschreiben vom 11. April 1997 die Anfechtung ihrer Bürgschaftserklärung

wegen arglistiger Täuschung.

Die Klägerin hat die Beklagte aufgrund der Bürgschaft auf Zahlung von

150.000 DM nebst Zinsen sowie gemäß den Vorschriften des Anfechtungsge-

setzes auf Duldung der Zwangsvollstreckung in den von D. P. übertragenen

Anteil in Anspruch genommen. Das Landgericht hat der Klage in der Hauptsa-

che stattgegeben, das Oberlandesgericht hat den Zahlungsanspruch abgewie-

sen. Hiergegen richtet sich die Revision der Klägerin.

Entscheidungsgründe

Die Revision führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur

Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.

I.

Das Berufungsgericht hat zur Bürgschaftsforderung der Klägerin aus-

geführt:

Die Bürgschaft sei wegen der strukturell ungleichen Verhandlungsstärke

der Parteien und der außergewöhnlich starken Belastung der wirtschaftlich un-

erfahrenen Beklagten gemäß § 138 BGB nichtig. Die Beklagte habe kein eige-

nes wirtschaftliches Interesse an der Bürgschaft gehabt. Ihre familiäre Bindung

an ihren Sohn - den Inhaber der GFE - habe die Klägerin zu ihren Gunsten

ausgenutzt.

Die Übernahme der Bürgschaft bedeute im Ergebnis einen Entzug der

wirtschaftlichen Lebensgrundlage der Beklagten. Diese verfüge nur über gerin-

ge Renteneinkünfte, die wenig über dem Sozialhilfesatz lägen. Ihren einzigen

Vermögensgegenstand stelle der Miteigentumsanteil an dem Einfamilienhaus

dar, in welchem die Beklagte wohne und das sie im Falle künftiger finanzieller

Notlage im Alter sichere. Aufgrund ihrer Renteneinkünfte sei die Beklagte kaum

in der Lage, anderweitig eine wirtschaftlich erschwingliche Mietwohnung anzu-

mieten.

Auf seiten der Klägerin habe ein besonders verwerfliches Gewinnstre-

ben insoweit vorgelegen, als sie ihre eigenen Interessen gegenüber einer wirt-

schaftlich gänzlich unterlegenen und im Hinblick auf verwandtschaftliche Be-

ziehungen in einer seelischen Zwangslage befindlichen Person rücksichtslos

durchgesetzt habe. Zu berücksichtigen sei in diesem Zusammenhang, daß zum

Zeitpunkt des Bürgschaftsverlangens die GmbH des Sohnes der Beklagten

bereits völlig überschuldet und dies der Klägerin auch bewußt gewesen sei;

denn die seitens der Klägerin gewährten Kredite hätten sich zu diesem Zeit-

punkt auf mindestens 150.000 DM belaufen. Hierbei sei es der Klägerin nicht

um eine im Ergebnis allenfalls noch zu billigende Absicherung künftig noch zu

gewährender Kredite, sondern lediglich um die Absicherung bereits bestehen-

der Forderungen gegangen, die im Fall der Kreditkündigung unwiederbringlich

verloren gewesen wären. Im Ergebnis sei die Klägerin seinerzeit bestrebt ge-

wesen, ein schon damals konkursreifes Geschäftsunternehmen durch Erlan-

gung von Fremdverpflichtungen noch für eine gewisse Zeit am Leben zu er-

halten, um so die Absicherung ihrer eigenen Forderungen gegenüber diesem

Unternehmen sicherzustellen. Zu diesem Zeitpunkt sei der Klägerin bereits klar

gewesen oder hätte ihr jedenfalls bewußt sein müssen, daß die Gesellschaft im

Ergebnis nahezu bankrott war.

Schließlich erscheine die Bürgschaftsübernahme deshalb sittenwidrig,

weil die Bürgschaftsbedingungen die Bürgin außerordentlich belasteten. Die

Bürgschaft umfasse außer der Hauptsumme Zinsen, Provisionen und Kosten

auch insoweit, als dadurch der Höchstbetrag von 150.000 DM überschritten

werde. Die Bürgschaft sei zudem nicht zeitlich begrenzt gewesen. In Nr. 4 sei

vorgesehen, daß bis zur vollständigen Befriedigung der Bank alle Zahlungen

des Bürgen als Sicherheitsleistung dienten und erst nach vollständiger Befrie-

digung der Bank deren Ansprüche gegen den Hauptschuldner in Höhe der Lei-

stung auf den Bürgen übergehen sollten. Darüber hinaus sei die Bank gemäß

Nr. 5 befugt, den Erlös von Sicherheiten sowie Zahlungen des Hauptschuld-

ners oder anderer Verpflichteter zunächst auf den Betrag ihrer Ansprüche an-

zurechnen, der die Bürgschaftssumme übersteigt. Zusätzlich sehe Nr. 8 einen

Verzicht auf die Einreden der Anfechtbarkeit und Aufrechenbarkeit sowie der

Vorausklage vor. Ferner werde auf die Rechte aus § 776 BGB verzichtet. Au-

ßerdem solle die Bank berechtigt sein, dem Hauptschuldner weitere Kredite zu

gewähren, mit ihm Stundung zu vereinbaren und einen gerichtlichen oder au-

ßergerichtlichen Vergleich über die verbürgte Forderung gegen den Haupt-

schuldner abzuschließen, ohne die Zustimmung des Bürgen hierzu einzuholen.

Nach alledem habe für die Bürgin theoretisch überhaupt keine Aussicht be-

standen, daß - insbesondere bei Hingabe weiterer Kredite - der Schuldbetrag

gemäß Bürgschaftserklärung überhaupt einmal vom Hauptschuldner habe ge-

tilgt werden können.

II.

Damit hat das Berufungsgericht - wie die Revision zutreffend rügt - die

rechtlichen Voraussetzungen verkannt, unter denen eine Bürgschaft sittenwid-

rig ist.

§ 138 Abs. 2 BGB scheidet von vornherein aus, weil diese Vorschrift

einen Leistungsaustausch voraussetzt; ein einseitiges Verpflichtungsgeschäft

wie die Bürgschaft genügt dafür nicht (Senatsurt. v. 7. Juni 1988 - IX

ZR 245/86, NJW 1988, 2599, 2602; Staudinger/Sack, BGB 13. Bearb. § 138

Rn. 176; Erman/Palm, BGB 10. Aufl. § 138 Rn. 13; Palandt/Heinrichs, BGB

60. Aufl. § 138 Rn. 66; vgl. BGHZ 106, 269, 271 f).

Die Voraussetzungen des § 138 Abs. 1 BGB sind ebenfalls nicht erfüllt.

Mit seiner gegenteiligen Auffassung hat das Berufungsgericht einseitig auf ein-

zelne, die Beklagte belastende Umstände abgestellt, ohne sie in Beziehung

zum Zweck des Rechtsgeschäfts zu setzen oder ausgleichende Umstände zu

berücksichtigen. Eine besonders schwerwiegende Störung der Vertragsparität

ist nicht festzustellen.

1. Die Beklagte stand zwar dem Inhaber der Hauptschuldnerin - ihrem

Sohn - persönlich nahe. Sie mag auch keinen eigenen unmittelbaren wirt-

schaftlichen Vorteil aus der Übernahme der Bürgschaft erlangt haben. Das al-

lein genügt jedoch nicht, um das Unwerturteil der Sittenwidrigkeit zu begrün-

den. Vielmehr kommt nach der übereinstimmenden Rechtsprechung des IX.

und des XI. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs eine Vermutung dafür, daß das

Kreditinstitut als Gläubiger die emotionale Beziehung zwischen Hauptschuld-

ner und Bürgen in sittlich anstößiger Weise ausgenutzt hat, nur dann in Be-

tracht, wenn ein krasses Mißverhältnis zwischen dem Verpflichtungsumfang

und der Leistungsfähigkeit des Bürgen besteht (BGHZ 125, 206, 211; 136, 347,

351; 137, 329, 333 f; BGH, Urt. v. 14. November 2000 - XI ZR 248/99,

WM 2001, 402, 403 f.). Daran fehlt es hier.

Zwar bezog die Beklagte 1996 nur ein monatliches Renteneinkommen

von 1.592,53 DM. Der pfändbare Teil davon hätte nicht einmal ausgereicht, um

die laufenden Zinszahlungen auf eine Hauptsumme von 150.000 DM zu dek-

ken. Jedoch war das Hausgrundstück, welches der Beklagten wirtschaftlich zu

3/4 und ihren beiden Söhnen zu je 1/8 gehörte, bei Abgabe der Bürgschaftser-

klärung unstreitig jedenfalls 200.000 DM wert. Damit deckte der Anteil der Be-

klagten die Hauptsumme der Bürgschaft wertmäßig voll ab. Das schließt eine

Überforderung aus: Der Einsatz des letzten vorhandenen Vermögensguts zur

Sicherung der Verbindlichkeiten eines nahen Angehörigen ist nicht ohne weite-

res sittlich verwerflich. § 138 Abs. 1 BGB hat - entgegen der Auffassung der

Beklagten - sogar dann nicht regelmäßig den Zweck, das Eigenheim eines

Bürgen auf Dauer zu erhalten, wenn dessen Einkommen die Pfändungsfreibe-

träge nur in begrenztem Umfang übersteigt. Ebensowenig schützt die Norm die

Möglichkeit eines dauerhaften mietfreien Wohnens. Soweit ein Anspruch auf

Sozialhilfe gemäß § 88 Abs. 2 Nr. 7 BSHG nicht die vorherige Verwertung des

vom Hilfesuchenden bewohnten Hauses voraussetzt, kann daraus - anders als

die Revisionserwiderung meint - kein Einwand gegenüber privaten Gläubigern

abgeleitet werden.

Die Beklagte hätte allenfalls durch die auf die Hauptschuld anfallenden

Zinsen von 5 % über dem Diskontsatz überfordert werden können. Jedoch hat-

te sie sich in der Bürgschaftsurkunde zugleich verpflichtet, eine Grundschuld

auf ihrem Wohnhaus einzutragen; dafür sollte sie die Bürgschaftsurkunde zu-

rückgeben können. Dies entspricht dem eigenen Vortrag der Beklagten, die

Klägerin sei in erster Linie an dem Hausgrundstück als Sicherheit interessiert

gewesen; erst als sie erfahren habe, daß die Beklagte zu 3/4 Grundstücksei-

gentümerin sei, habe sie zunächst deren Bürgschaft verlangt. Diesem Begeh-

ren hat, soweit dargetan, weder die Beklagte noch ihr Sohn D. P., welcher al-

lein die Verhandlungen mit der Klägerin führte, widersprochen. Danach hätte

die Beklagte gegen Bestellung der Grundschuld bei vertragsgerechtem Ver-

halten jede persönliche Zahlungspflicht vermieden. Dann wäre zu ihren Lasten

auch keine über 150.000 DM hinausgehende Zinsbelastung entstanden. Ihre

wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hätte die eingegangene Verpflichtung voll

abgedeckt.

2. Eine Bürgschaft, die - wie die vorliegende - den Bürgen nicht finanziell

kraß überfordert, kann nur aufgrund besonders erschwerender und dem Kre-

ditinstitut zurechenbarer Umstände das Gepräge der Sittenwidrigkeit erlangen

(BGHZ 120, 272, 276; 132, 328, 329 f, 134, 325, 327; 136, 347, 350 f; 137,

329, 332 f). Daran fehlt es hier ebenfalls.

a) Das Berufungsgericht hat zwar gemeint, die Klägerin habe eine aus

familiärer Bindung herrührende subjektive Zwangslage der Beklagten "ersicht-

lich zu ihren Gunsten ... ausgenutzt". Für einen solchen Vorwurf fehlt aber die

tatsächliche Grundlage. Die Klägerin war grundsätzlich berechtigt, weitere

Kredite nur gegen die Stellung von Sicherheiten zur Verfügung zu halten oder

zu stellen. Die Beklagte hat sich ausschließlich von ihrem eigenen Sohn, dem

Inhaber der Hauptschuldnerin, zur Übernahme der Bürgschaft bewegen lassen,

ohne daß hierzu Näheres vorgetragen wäre. In der Entgegennahme der Bürg-

schaft allein liegt keine unlautere Einwirkung der Klägerin auf die Willensbil-

dung der Beklagten.

Zwar mag die Beklagte die Bürgschaft aus Sorge um das finanzielle

Wohlergehen ihres Sohnes abgegeben haben. Dies gibt dem Vertrag aber

noch kein anstößiges Gepräge. Die Bank, die mit dem Verlangen nach einer

Bürgschaft eigene berechtigte Sicherungsinteressen wahrnimmt, handelt damit

schon objektiv nicht unlauter, solange sie nicht die emotionale Zwangslage des

Bürgen in rechtlich verwerflicher Weise begründet oder ausnutzt (Senatsurt. v.

23. Januar 1997 - IX ZR 55/96, WM 1997, 465, 466).

Eine außergewöhnliche geschäftliche Unerfahrenheit brauchte die Klä-

gerin bei der 1930 geborenen Beklagten nicht vorauszusetzen. Aufgrund all-

gemeiner Lebenserfahrung mußte ihr das Risiko einer Bürgschaft wenigstens

im allgemeinen bekannt sein. Aus diesen für sie ersichtlichen Umständen

brauchte die Klägerin nicht den Schluß zu ziehen, daß die Beklagte sich bei

ihrer Entscheidung nicht von rationalen Erwägungen hätte leiten lassen.

b) Rechtserheblich könnte zwar die Annahme des Berufungsgerichts

sein, die Klägerin habe der Beklagten eine hoffnungslose Lage der Haupt-

schuldnerin verschwiegen (vgl. BGHZ 125, 206, 217). Dann hätte die Klägerin

sich in der Tat nur eine zusätzlich mithaftende Person gesucht, ohne daß die

von der Beklagten erhoffte Hilfe für ihren Sohn sich noch hätte auswirken kön-

nen. Eine unter solcher Täuschung zustande gekommene Bürgschaft wäre sit-

tenwidrig.

aa) Soweit das Berufungsgericht es allerdings ausreichen läßt, der Klä-

gerin habe "bekannt sein müssen", daß die Hauptschuldnerin im Ergebnis na-

hezu bankrott gewesen sei, ist schon der rechtliche Ansatz fehlerhaft. Eine auf

bloß leichter Fahrlässigkeit beruhende Unkenntnis wesentlicher Tatsachen

reicht nicht für den Vorwurf sittenwidrigen Verhaltens aus. Allenfalls wer sich

grob fahrlässig der Kenntnis wesentlicher Tatsachen verschließt, kann damit

sittenwidrig handeln (BGHZ 10, 228, 233; 20, 43, 52).

bb) Im übrigen dringt gegen die Annahme eines Vorsatzes und sogar

einer Fahrlässigkeit der Klägerin die Verfahrensrüge der Revision durch. Die

Klägerin hat nach ihrer eigenen Darstellung nur eine "schwierige" wirtschaftli-

che Lage der GFE gekannt und die Beklagte darauf in der Bürgschaftsurkunde

selbst auch ausdrücklich hingewiesen. Im übrigen hatte die Klägerin behauptet,

der Sohn der Beklagten habe ihr - der Klägerin - die schwierige Lage der

Hauptschuldnerin verheimlicht. Unstreitig hat er ihr sogar ein Schreiben seines

Steuerberaters vom 5. April 1993 vorgelegt, aus dem sich eine positive Ent-

wicklung des Betriebes ergab. Erstmals im April 1994 - also fast 1½ Jahre nach

Übernahme der hier fraglichen Bürgschaft - hat der Sohn der Beklagten die

Klägerin nach deren Behauptung darüber informiert, daß die Liquidation der

Hauptschuldnerin beschlossen sei.

Die übrigen tatsächlichen Umstände, welche der Klägerin bekannt wa-

ren, ließen nicht die Annahme zu, daß der Versuch zur Rettung der GFE von

vornherein aussichtslos gewesen sei; dies hat bereits das Landgericht zutref-

fend ausgeführt, ohne daß sich das Berufungsgericht damit im einzelnen aus-

einandergesetzt hätte. Die Hauptschuldnerin hatte zwar im Jahre 1991 hohe

Verluste erlitten und war demzufolge finanziell überschuldet, doch führt die Be-

klagte selbst dies nur auf den Ausfall eines holländischen Kunden zurück. Für

das Jahr 1992 - in dem die Bürgschaft übernommen wurde - weist die Bilanz

dagegen einen Jahresüberschuß von 18.571,71 DM aus. Die bei der Bürg-

schaftsübernahme aktuellsten Daten deuteten also nicht ohne weiteres auf ei-

ne Sanierungsunfähigkeit hin. Zu einer Fortführungsprognose für die GFE ist

nichts dargetan. Wird eine Sanierung ernsthaft angestrebt, kann auch schon

das Aufrechterhalten bereits gewährter Kredite eine Gegenleistung sein. Das

gilt jedenfalls dann, wenn im Falle der sofortigen Kündigung wenigstens noch

Teile der zuvor ausgereichten Kredite zurückgeholt werden könnten.

c) Endlich begründen die einzelnen Rechtsfolgeregelungen, welche die

Klägerin formularmäßig für die Bürgschaft vorgesehen hat, keine Sittenwidrig-

keit der Bürgschaft insgesamt.

Nach §§ 3, 9 ff AGBG wird die Wirksamkeit und Zulässigkeit formular-

mäßiger Vertragsbedingungen grundsätzlich selbständig geprüft. Sogar wenn

danach einzelne Klauseln unwirksam sein sollten, wird der Vertrag im übrigen

regelmäßig mit dem nicht zu beanstandenden Inhalt - ergänzt durch die ge-

setzlichen Vorschriften - aufrechterhalten (§ 6 Abs. 1 und 2 AGBG); für die

Voraussetzungen des § 6 Abs. 3 AGBG ist hier nichts dargetan.

Die Verwendung unangemessener formularmäßiger Klauseln könnte

allenfalls dann zu einer Sittenwidrigkeit des gesamten Vertrages gemäß § 138

Abs. 1 BGB führen, wenn der Vertrag insgesamt aus sittlich verwerflicher Ge-

sinnung so einseitig abgefaßt wurde, daß nur der eine Vertragsteil seine

Rechte durchsetzt, während wesentliche, berechtigte Belange des anderen

Teils mißachtet werden (vgl. BGHZ 136, 347, 355 f). Dafür liegt hier nichts vor.

aa) Im einzelnen verweist das Berufungsgericht auf die mögliche, den

vereinbarten Höchstbetrag der Bürgschaft überschreitende Belastung mit Zin-

sen, Provisionen und Kosten. Das entspricht jedoch im Kern der gesetzlichen

Regelung des § 767 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 BGB, die zudem gerade im vor-

liegenden Falle die Beklagte nicht zu belasten brauchte (s.o. 1). Ebensowenig

gehört die - vom Berufungsgericht vermißte - zeitliche Begrenzung der Bürg-

schaft zu deren gesetzlichen Normalinhalt.

bb) Weiter hat das Berufungsgericht auf Nr. 4 der allgemeinen Bürg-

schaftsbedingungen abgestellt. Danach dienen alle Zahlungen des Bürgen bis

zur vollständigen Befriedigung der Bank nur als Sicherheitsleistung; deshalb

gehen ihre Ansprüche gegen den Hauptschuldner grundsätzlich erst nach voll-

ständiger Befriedigung der Bank auf den Bürgen in Höhe seiner Leistung über.

Derartige Klauseln hat der Senat früher allgemein gebilligt (BGHZ 92, 374, 378

ff). Deren Zulässigkeit mag dann zweifelhaft sein, wenn die Bürgschaft nicht

sämtliche Forderungen der Bank aus der Geschäftsverbindung mit dem Haupt-

schuldner sichert (vgl. Fischer WM 1998, 1705, 1712 f). Für den vorliegenden

Fall hat diese mögliche Einschränkung keine Bedeutung. Denn die Bürgschaft

der Beklagten haftete der Klägerin - bis zum Höchstbetrag - für alle Verbind-

lichkeiten der GFE. Im übrigen betrifft die Rechtsfrage nur die Abwicklung der

Bürgschaft nach teilweiser Erfüllung, nicht aber den Kern des schutzwürdigen

Interesses von Bürgen.

cc) Gemäß Nr. 5 der Allgemeinen Bürgschaftsbedingungen war die Bank

befugt, den Erlös von Sicherheiten sowie Zahlungen des Hauptschuldners zu-

nächst auf den Betrag ihrer Ansprüche zu verrechnen, der die Bürgschafts-

summe übersteigt. Dies entspricht - bis zur Grenze des § 776 BGB (dazu un-

ten) - im wesentlichen der gesetzlichen Regelung des § 366 Abs. 2 BGB. Al-

lenfalls bei einer ausdrücklichen Bestimmung des Leistenden im Sinne von

§ 366 Abs. 1 BGB könnte das anders sein. Dann ist jedoch zweifelhaft, ob das

Kreditinstitut als Gläubiger vertraglich verpflichtet wäre, eine solche Leistung

anzunehmen (vgl. § 367 Abs. 2 BGB). Wer für eine fremde Kreditschuld Si-

cherheiten gibt, kann von dem Sicherungsnehmer, der noch weitere Forderun-

gen gegen den Schuldner hat, grundsätzlich keine vorrangige Verrechnung von

Teilleistungen gerade auf die von ihm abgesicherte Verbindlichkeit verlangen

(BGH, Urt. v. 29. April 1997 - XI ZR 176/96, WM 1997, 1247, 1249 f.).

dd) Endlich hat das Berufungsgericht auf Nr. 8 der Allgemeinen Bürg-

schaftsbedingungen abgestellt. Danach verzichtet der Bürge auf die Einreden

der Anfechtbarkeit und Aufrechenbarkeit (§ 770 BGB) sowie der Vorausklage

(§ 771 BGB) und auf die Rechte aus § 776 BGB. Ferner soll die Bank auch

ohne Zustimmung des Bürgen berechtigt sein, dem Hauptschuldner weitere

Kredite zu gewähren, mit ihm Stundung zu vereinbaren oder einen Vergleich

über die Hauptschuld abzuschließen.

Soweit danach in gesetzliche Rechte des Bürgen eingegriffen wird, ist

der Eingriff jedenfalls nicht so schwerwiegend, daß er nicht durch eine Inhalts-

kontrolle gemäß § 9 AGBG für sich angemessen gelöst werden könnte. Der

Verzicht auf die Einrede der Vorausklage (§ 771 BGB) ist gerade das Wesen

jeder selbstschuldnerischen Bürgschaft und insoweit nicht zu beanstanden. Der

Verzicht auf die Rechte aus §§ 770 und 776 BGB mag - entgegen anderslau-

tender früherer Rechtsprechung (BGHZ 78, 137, 141 ff; 95, 357 ff; Senatsurt. v.

7. November 1985 - IX ZR 40/85, WM 1986, 95, 97; v. 13. Dezember 1990

- IX ZR 79/90, WM 1991, 558, 559) - nicht unbedenklich sein. Den formular-

mäßigen Verzicht jedenfalls auf die Rechte aus § 776 BGB hält der Senat

nunmehr für unwirksam (Urt. v. 2. März 2000 - IX ZR 328/98, WM 2000, 764,

767 f., z.V.b. in BGHZ; v. 6. April 2000 - IX ZR 2/98, WM 2000, 1141, 1144). In

jedem Falle kann aber die Unwirksamkeit derartiger formularmäßiger Ein-

schränkungen durch die Anwendung der gesetzlichen Vorschriften, die abbe-

dungen werden sollten, vollwertig ausgeglichen werden.

Daran ändert es nichts, daß die Klägerin befugt blieb, der GFE weitere

Kredite zu gewähren. Dazu wäre sie auch ohne besondere Klarstellung gegen-

über der Bürgin grundsätzlich berechtigt. Diese haftete nicht für solche Kredite,

die nicht Anlaß für ihre Verbürgung waren. Ihre schutzwürdigen Belange

könnten allenfalls bei einer dadurch mit bewirkten wirtschaftlichen Überforde-

rung verletzt werden. Daran fehlt es hier (s.o. 1).

ee) Erfüllt danach keine einzelne der formularmäßigen Bedingungen die

Voraussetzungen des § 138 Abs. 1 BGB, gilt dies auch nicht für das formular-

mäßige Klauselwerk als Ganzes. Soweit die vorformulierten Vertragsbedingun-

gen die Rechtsausübung des Bürgen über das gesetzliche Maß hinaus ein-

schränken, betreffen sie nicht den Kernbereich des Bürgschaftsinhalts, so daß

nicht auf eine verwerfliche Gesinnung der Klägerin zu schließen ist. Im Ergeb-

nis reicht § 6 Abs. 1 und 2 AGBG aus, um den gesetzlich gebotenen Schutz

des Bürgen zu gewährleisten.

III.

Das danach rechtsfehlerhafte Urteil erweist sich nicht aus anderen

Gründen als richtig (§ 563 ZPO).

1. Die Beklagte bestreitet nicht, daß die Kontokorrentverbindlichkeiten,

deren Ausgleich die Klägerin nun verlangt, Anlaß für die Verbürgung gaben.

2. Die Beklagte hat ihre Bürgschaftserklärung nicht gemäß § 123 Abs. 1

BGB wirksam angefochten. Insoweit braucht nicht entschieden zu werden, ob

die Beklagte die Anfechtung am 11. April 1997 noch rechtzeitig im Sinne von

§ 124 Abs. 1 und 2 BGB erklärt hat. Sie hat dazu vorgetragen, erst nach der

Verurteilung ihres Sohnes D. P. wegen Konkursverschleppung - am 14. März

1997 - erfahren zu haben, daß zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Bürg-

schaftserklärung die GFE schon konkursreif gewesen sei.

Jedenfalls steht nicht fest, daß die Klägerin die Beklagte vorsätzlich über

die Konkursreife der GFE getäuscht hätte.

a) Insoweit kann der Klägerin nicht das Wissen des Sohnes D. P. der

Beklagten zugerechnet werden (§ 123 Abs 2 BGB). Denn dieser handelte im

eigenen Interesse als Inhaber der Hauptschuldnerin, nicht als Erklärungsge-

hilfe der Klägerin.

b) Aus den oben zu II 2 b dargelegten Gründen steht es auch nicht fest,

daß die Klägerin selbst eine mögliche Konkursreife der GFE gekannt hätte.

Dann brauchte sie über eine solche auch nicht aufzuklären.

3. Aus denselben Gründen hat die Klägerin nicht vorvertragliche Aufklä-

rungspflichten verletzt. Sie hat die Beklagte ausdrücklich "auf die schwierige

Situation der Gesellschaft hingewiesen". Daß die Lage der GFE nicht nur

schwierig, sondern sogar hoffnungslos gewesen sein soll, wußte sie nach ihrer

Darstellung nicht und brauchte sie auch nicht zu wissen.

IV.

Der Senat kann in der Sache selbst nicht abschließend entscheiden

Zwar hat die Klägerin eine Kenntnis der hoffnungslosen Lage der GFE

(s.o. II 2 b, III) im maßgeblichen Zeitpunkt von Anfang an bestritten. Gegentei-

liges hat auch die darlegungsbelastete Beklagte für bestimmte Vertreter der

Klägerin zu keiner Zeit substantiiert vorgetragen. Im Gegenteil hat sie zuge-

standen, ihr Sohn D. P. habe versucht, die Klägerin über die wahre wirtschaftli-

che Lage der GFE im Unklaren zu lassen (S. 8 der Klageerwiderung vom

1.7.97 = Bl. 37 GA). Wenn er sie "nicht überzeugen" konnte, folgt daraus nicht

ihre Kenntnis des Gegenteils. Dementsprechend hat das Landgericht in seinem

Urteil (S. 15 f) ausgeführt, es könne nicht eine arglistige Täuschung der Be-

klagten und insbesondere nicht eine wirtschaftliche Gefährdung des Unter-

nehmens erkennen, welche über die der Beklagten bekannten Umstände hin-

ausgegangen sei. Dennoch hat das Berufungsgericht ausgeführt, der Klägerin

sei zum Zeitpunkt des Bürgschaftsverlangens "bekannt und bewußt" gewesen,

daß die GFE bereits völlig überschuldet gewesen sei. Mit Rücksicht hierauf hält

der Senat es im Hinblick auf § 139 Abs. 1 ZPO für unvermeidlich, den Parteien

durch eine Zurückverweisung der Sache Gelegenheit zu ergänzendem Sach-

vortrag zu geben.

Bei der Zurückverweisung hat der Senat von der Möglichkeit des § 565

Abs. 1 Satz 2 ZPO Gebrauch gemacht.

Kreft Stodolkowitz Kirchhof

Fischer Raebel