BGH Urteil vom 19.04.2007 – III ZR 75/06
III. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
Verkündet am: 19. April 2007 F r e i t a g Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
BGB §§ 280, 675
Die für die professionelle Anlageberatung geltenden Grundsätze (Verpflich-
tung zur anleger- und anlagegerechten Beratung; vgl. BGHZ 123, 126) sind
nicht ohne weiteres und umfassend anwendbar, wenn es jemand innerhalb
seines (erweiterten) Familienkreises auf Wunsch eines anderen gegen Ge-
winnbeteiligung übernimmt, einen größeren Geldbetrag in Aktien anzulegen.
BGH, Urteil vom 19. April 2007 - III ZR 75/06 - OLG Schleswig
LG Kiel
Der III. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 19. April 2007 durch den Vorsitzenden Richter Schlick und die Richter
Dr. Wurm, Streck, Dörr und Dr. Herrmann
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Beklagten wird das Urteil des 14. Zivilsenats
des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts in Schleswig
vom 24. Februar 2006 aufgehoben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten des Revisionsrechtszugs, an das Berufungsge-
richt zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Beklagte ist der Bruder des früheren Lebensgefährten und Vaters
der Tochter der Klägerin. Er hatte eine Banklehre durchlaufen und in der Ver-
gangenheit Aktiengeschäfte für seine eigene Mutter gegen Beteiligung am Ge-
winn getätigt. Anlässlich eines Besuchs bei ihm und seiner Mutter Ende des
Jahres 1998 bat die Klägerin den Beklagten, für sie eine Abfindung in Höhe von
ca. 100.000 DM, die sie von ihrem früheren Arbeitgeber erhalten hatte, in
Aktien anzulegen. Der Beklagte bedingte sich, wie bei seiner Mutter, einen Ge-
winnanteil von 30 % für jede positive Aktion aus. Anschließend überwies ihm
die Klägerin bis zum 1. August 1999 in Teilbeträgen insgesamt 145.000 DM.
Der Beklagte legte Aktiendepots bei zwei Banken auf seinen Namen an. Nach
anfänglichen erheblichen Gewinnen, die auf Wunsch der Klägerin jeweils wie-
der reinvestiert wurden, fielen ab 2000 die Kurse der Aktien stark ab. Im Jahre
2002 nahm der Beklagte deshalb keine Transaktionen mehr vor.
Nachdem der Beklagte der Klägerin bereits im Juli 2002 15.000 € und im
Oktober 2002 weitere 5.000 € zurückgezahlt hatte, kündigte diese im Dezember
2002 den Vertrag. Der Beklagte übertrug daraufhin die noch vorhandenen
Wertpapiere, deren Kurswert nur noch 2.136,20 € betrug, auf ein Depot der
Klägerin.
Mit der vorliegenden Klage verlangt die Klägerin die Rückerstattung ihres
eingesetzten Kapitals, abzüglich der bereits erhaltenen 20.000 €. Landgericht
und Oberlandesgericht haben der auf Zahlung von 54.137,32 € nebst Zinsen,
Zug um Zug gegen Rückübertragung der Aktienwerte auf dem Depot der Kläge-
rin, gerichteten Klage stattgegeben. Mit der - vom Senat zugelassenen - Revisi-
on erstrebt der Beklagte weiterhin die Abweisung der Klage.
Entscheidungsgründe
Die Revision führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Zu-
rückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.
I.
Das Berufungsgericht hält den Beklagten für schadensersatzpflichtig aus
Verschulden bei Vertragsschluss oder wegen positiver Vertragsverletzung eines
zwischen den Parteien geschlossenen "Geschäftsbesorgungsvertrages in Form
eines Anlageberatungsvertrages". Zu einer ordnungsgemäßen Beratung hätte
hier gehört, dass der Kläger erst einmal das Anlageziel und die Risikobereit-
schaft der Klägerin abgeklärt hätte. Im Hinblick darauf, dass die Klägerin nahe-
zu ihr gesamtes Barvermögen anlegen wollte, hätte der Beklagte ihr bei anla-
gegerechter Beratung von einem Geschäft ausschließlich mit Aktien abraten
müssen. Wäre dies geschehen, so sei zu vermuten, hätte die Klägerin dem Be-
klagten nicht ihr Geld für die vorliegende Anlage überlassen. Ein Mitverschulden
sei der Klägerin nicht anzulasten.
II.
Diese Beurteilung hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand.
1.
Das Berufungsgericht hat allerdings rechtsfehlerfrei die Abmachung zwi-
schen der Klägerin und dem Beklagten über die Anlage der Gelder der Klägerin
in Aktien als ein Rechtsgeschäft, nicht als bloßes Gefälligkeitsverhältnis, qualifi-
ziert (zur Abgrenzung vgl. Palandt/Sprau BGB 66. Aufl. Einf. vor § 662 Rn. 4).
Die betreffende tatrichterliche Gesamtwürdigung ist einwandfrei. Sie drängt sich
insbesondere im Hinblick auf den Umfang der Vermögenswerte, die die Kläge-
rin dem Beklagten anvertraute, und die vereinbarte Gewinnbeteiligung auf. Die
Angriffe der Revision mit dem Hinweis, dass die Klägerin den Beklagten ledig-
lich um einen "Freundschaftsdienst" gebeten habe, vermögen diese Einschät-
zung aus Rechtsgründen nicht zu erschüttern.
2.
Bei dem Rechtsgeschäft zwischen den Parteien handelte es sich, wie
das Berufungsgericht im Ansatz ebenfalls richtig gesehen hat, um einen Ge-
schäftsbesorgungsvertrag mit Dienstvertragscharakter (vgl. Senaturteil vom
4. April 2002 - III ZR 237/01 - ZIP 2002, 795, 796).
Rechtlich angreifbar ist aber nach den Besonderheiten des Streitfalles,
dass das Berufungsgericht den vorliegenden Geschäftsbesorgungsvertrag un-
eingeschränkt verknüpft gesehen hat mit den Elementen eines umfassenden
Anlageberatungsvertrags und dass es auf dieser Grundlage - in Anknüpfung an
den üblichen Pflichtenkreis eines Anlageberaters (vgl. etwa BGHZ 123, 126,
128 ff) - den Beklagten für verpflichtet gesehen hat, vor der Absprache mit der
Klägerin über die Anlegung ihres Geldes in Aktien erst einmal die persönlichen
(wirtschaftlichen) Umstände der Klägerin, ihr Anlageziel und ihre Risikobereit-
schaft zu erfragen, um ihr gegebenenfalls von Aktien ganz abzuraten. Damit hat
das Berufungsgericht, wie die Revision mit Recht rügt, die Pflichten des Beklag-
ten überspannt und diesem im Ergebnis das alleinige Risiko des Misserfolgs
eines Unternehmens auferlegt, bei dem auch der Klägerin klar sein musste,
dass selbst erhebliche Verluste nicht ausgeschlossen waren.
a) Dass die Klägerin zum damaligen Anlass den Beklagten ausdrücklich
als Berater über eine Anlage ihres Geldes in Aktien in Anspruch genommen
hätte, d.h., dass sie ihn um eine Prüfung des Für und Wider einer solchen An-
lage, bezogen auf ihre persönliche Situation, gebeten hätte, ergibt sich aus dem
festgestellten Sachverhalt nicht. Anlass des Gesprächs zwischen den Parteien
war der von der Klägerin bereits gefasste und an den Beklagten herangetrage-
ne Wunsch, er möge, wie bei seiner Mutter, bestimmte Geldbeträge der Kläge-
rin in Aktien anlegen. Das schließt allerdings nicht aus, dass im Zusammenhang
mit der Anbahnung des Geschäftsbesorgungsvertrags Beratungs- bzw. Aus-
kunftsverpflichtungen des Beklagten begründet wurden, ähnlich wie
im Rahmen der Anlagenvermittlung zwischen dem Anlageinteressenten und
dem Anlagevermittler ein Auskunftsvertrag mit Haftungsfolgen zumindest still-
schweigend zustande kommt, wenn der Interessent deutlich macht, dass er auf
eine bestimmte Anlagenentscheidung bezogen die besonderen Kenntnisse und
Verbindungen des Vermittlers in Anspruch nehmen will, und der Anlagevermitt-
ler die gewünschte Tätigkeit beginnt (vgl. - auch zur Abgrenzung zwischen An-
lagevermittler und -berater - Senatsurteile vom 13. Mai 1993 - III ZR 25/92 -
NJW-RR 1993, 1114 und vom 13. Januar 2000 - III ZR 62/99 - NJW-RR 2000,
998), oder es dadurch zum Abschluss eines Anlageberatungsvertrages kom-
men kann, dass der Anleger bei einer Geldanlage die Dienste und Erfahrungen
einer Bank in Anspruch nimmt (vgl. Assmann/Schütze, Handbuch des Kapital-
anlagerechts, 2. Aufl. § 5 Rn. 11). Wie der Senat in seinem Urteil vom 4. April
2002 (aaO S. 797) ausgesprochen hat, ist auch bei einem Vermögensverwal-
tungsvertrag, der auf den An- und Verkauf von Wertpapieren ausgerichtet ist,
der Vermögensverwalter bei Vertragsschluss oder jedenfalls vor Vollzug einer
Anlageentscheidung dazu verpflichtet, dem Vertragspartner ein zutreffendes
Bild von den Chancen und Risiken der auszuführenden Geschäfte zu vermitteln
(kritisch zum Begründungsansatz Balzer EWiR 2002, 425; Sethe WuB I G 9
Vermögensverwaltung 2.03).
b) Dies gilt jedoch, was das Berufungsgericht nicht genügend berück-
sichtigt hat, nicht in jedem Falle eines rechtsgeschäftlichen Kontakts der hier in
Rede stehenden Art. Inhalt und Umfang der Informations- und Beratungspflicht
hängen von den Umständen des Einzelfalles ab (Senatsurteil aaO S. 796). So
hat der Bundesgerichtshof beispielsweise eine Beratungspflicht der Bank bei
dem gezielten Auftrag des Kunden zum Kauf bestimmter Wertpapiere, die die-
sem von dritter Seite empfohlen worden waren, abgelehnt (BGH, Beschluss
vom 12. März 1996 - XI ZR 232/95 - ZIP 1996, 872).
Wie der Revision zuzugeben ist, bestand im Streitfall nach den Beson-
derheiten des revisionsrechtlich zugrunde zu legenden Sachverhalts - insbe-
sondere nach der Vorgeschichte und dem (im weiteren Sinne) "familiären" Hin-
tergrund der hier in Rede stehenden Absprache zwischen den Parteien - keine
rechtliche Verpflichtung für den Beklagten, etwa wie eine Bank die Klägerin nä-
her nach ihren Vermögensverhältnissen, ihren Anlagezielen und ihrer Risikobe-
reitschaft zu befragen oder ihr sogar vom Erwerb von Aktien abzuraten. Dies
gilt, solange der Beklagte nur Aktiengeschäfte in einem konservativen Rahmen
beabsichtigte, also nicht den Ankauf von hochspekulativen oder mit besonderen
Risiken verbundenen Papieren. Unter dieser Voraussetzung genügte es, dass
der Beklagte der Klägerin - wie im angefochtenen Urteil unterstellt wird - erklär-
te (was allerdings zum Allgemeinwissen gehört und auch die Klägerin bereits
wusste), dass Aktiengeschäfte auch zu Verlusten führen könnten.
aa) Bei dem Beklagten handelte es sich nicht um einen professionellen
Vermögensverwalter, Anlageberater oder Anlagevermittler. Er hatte zwar eine
Banklehre abgeschlossen, war im Bankgeschäft aber nicht - weder gewerblich
noch als Angestellter - tätig. Dazu, dass er Aktienspekulationen geschäftsmäßig
betrieben hätte, ist nichts vorgetragen; bekannt ist nur, dass der Beklagte für
seine Mutter Aktien an- und verkauft hatte. Anlass, beim Beklagten eine größe-
re Geschäftserfahrung als aufgrund solcher privater Geschäfte anzunehmen,
hatte die Klägerin nicht. Sie selbst hatte sich zwar, wie das Berufungsgericht
- allerdings ohne dies näher an Einzelheiten zu verdeutlichen - feststellt, dem
Beklagten gegenüber "als in Finanz- und Börsenfragen völlig unbedarft" ge-
zeigt. Gleichwohl war auch ihr geläufig, dass Aktienkurse steigen und fallen
können; dass sie nicht auch wusste, dass Vorgänge an der Aktienbörse sogar
zum Verlust eines ganzen Vermögens führen können, lässt sich dem Vortrag
der Klägerin nicht mit Substanz entnehmen. Die Klägerin war, als sie den Be-
klagten bei diesem zu Hause anlässlich eines privaten Besuchs ansprach, dar-
an interessiert, um auf ihren Abfindungsbetrag eine höhere Rendite zu erzielen,
diesen in Aktien anzulegen; und zwar nach vorherigen Erkundigungen bei einer
Bank - auch über eine Investition von Geld in Aktien -, die ihr Sparbücher und
Sparbriefe empfohlen haben soll, die der Klägerin aber nicht genügend Rendite
geboten haben. Die Klägerin erklärte dem Beklagten, sie benötige das Geld aus
ihrer Abfindung derzeit nicht; sie wolle es möglichst gewinnbringend "parken".
Aus dem festgestellten Sachverhalt gibt es keinen Hinweis darauf, dass der
Beklagte einen Anhalt dafür hatte, dass dieser Betrag der Klägerin nicht zur
freien Verfügung stand, d.h. wenigstens im Rahmen einer "üblichen" Anlage in
Aktien. Der Beklagte durfte die Klägerin, die immerhin Eigentümerin eines Hau-
ses mit zwei Wohnungen war, als so vermögend ansehen, dass er ihr nicht
wegen des immer bestehenden Risiko des Verlustes von einer Anlage in (her-
kömmlichen) Aktien abraten musste.
bb) Aus dem beschriebenen, nur begrenzt "professionellen", Charakter
des geschäftlichen Kontakts der Parteien ergibt sich auch, dass der Beklagte
nicht verpflichtet war, die Klägerin nach besonderen mit der Geldanlage verfolg-
ten Zielen - etwa der Alterssicherung - zu befragen. Letzteres zur Sprache zu
bringen, wäre in der gegebenen - mit einem typischen Anlageberatungsge-
spräch nicht zu vergleichenden - Situation Sache der Klägerin gewesen.
III.
Das angefochtene Urteil kann daher keinen Bestand haben. Entschei-
dungsreife ist in der Revisionsinstanz nicht gegeben. Insbesondere ist der
Klaganspruch - aus der bisherigen Sicht des Berufungsgerichts folgerichtig -
noch nicht geprüft unter dem Gesichtspunkt einzelner, von der Klägerin be-
haupteter, Pflichtverletzungen des Beklagten in Durchführung des Geschäfts-
besorgungsvertrags. Die Sache muss daher zur weiteren Prüfung an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen werden.
Schlick
Wurm
Streck
Dörr
Herrmann
Vorinstanzen:
LG Kiel, Entscheidung vom 18.02.2005 - 6 O 341/03 -
OLG Schleswig, Entscheidung vom 24.02.2006 - 14 U 83/05 -