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BGH Beschluss vom 19.12.2002 – I ZB 24/02

I. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

vom

19. Dezember 2002

in der Rechtsbeschwerdesache

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat am 19. Dezember 2002

durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Ullmann und die Richter Prof.

Dr. Bornkamm, Pokrant, Dr. Büscher und Dr. Schaffert

beschlossen:

Die Rechtsbeschwerde gegen den Beschluß des 2. Zivilsenats des

Oberlandesgerichts Stuttgart vom 25. Juli 2002 wird auf Kosten der

Antragstellerin zurückgewiesen.

Beschwerdewert: bis 6.000,--

Gründe

I.

Die Antragsgegnerin ist eine Ersatzkasse. Ihre Betreuungsstelle in B.

übersandte mit Schreiben vom 20. November 2001 an eines ihrer Mitglieder

den Werbeprospekt samt Bestellunterlagen und Antwortkuvert der in den Nie-

derlanden ansässigen Firma D. . Diese betreibt eine Apotheke, welche im

Wege des Versandhandels und vorwiegend über das Internet u.a. in Deutsch-

land nicht zugelassene Arzneimittel vertreibt.

Die Antragstellerin, die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbe-

werbs, hat deswegen auf ihren bei dem Landgericht am 28. Dezember 2001

(cid:0)

gestellten Antrag hin am 2. Januar 2002 eine Beschlußverfügung erwirkt. Mit

dieser ist der Antragsgegnerin unter Androhung von Ordnungsmitteln untersagt

worden, im geschäftlichen Verkehr zu Zwecken des Wettbewerbs ihren Mitglie-

dern Unterlagen zum Bezug von Arzneimitteln durch die Firma D. in den

Niederlanden zu überlassen.

Auf den Widerspruch der Antragsgegnerin hat das Landgericht den

Rechtsweg zu den ordentlichen Gerichten für nicht eröffnet erachtet, den

Rechtsstreit an das Sozialgericht Ulm verwiesen und die Zwangsvollstreckung

aus dem Beschluß vom 2. Januar 2002 einstweilen eingestellt. Die gegen diese

Entscheidung gerichtete sofortige Beschwerde der Antragstellerin hatte keinen

Erfolg.

Hiergegen wendet sich die Antragstellerin mit ihrer zugelassenen

Rechtsbeschwerde.

II.

Die Rechtsbeschwerde ist gemäß § 574 Abs. 1 Nr. 2 ZPO, § 17a Abs. 4

Satz 4 GVG statthaft und, da sie form- und fristgerecht eingelegt und begründet

worden ist, auch im übrigen zulässig. Der Umstand, daß in dem von der An-

tragstellerin in Gang gesetzten Verfahren der einstweiligen Verfügung gegen

ein Berufungsurteil die Revision gemäß § 542 Abs. 2 Satz 1 ZPO nicht statthaft

wäre, steht dem nicht entgegen (vgl. BGH, Beschl. v. 30.9.1999 - V ZB 24/99,

NJW 1999, 3785; Beschl. v. 5.4.2001 - III ZB 48/00, NJW 2001, 2181).

III.

In der Sache hat die Rechtsbeschwerde keinen Erfolg.

Das Beschwerdegericht hat in Übereinstimmung mit dem Landgericht

angenommen, daß für das Verfahren der Rechtsweg zu den Sozialgerichten

eröffnet sei. Diese Beurteilung hält einer rechtlichen Nachprüfung stand.

1. Das Beschwerdegericht ist zutreffend und von der Rechtsbeschwerde

auch unbeanstandet davon ausgegangen, daß § 17a GVG auch im Rahmen

von Eilverfahren Anwendung findet (BGH NJW 2001, 2181; Zöller/Gummer,

ZPO, 23. Aufl., Vor §§ 17-17b GVG Rdn. 12 m.w.N.). Ebenfalls richtig und von

der Rechtsbeschwerde nicht angegriffen ist seine Annahme, die Rechtswegfra-

ge sei nach derjenigen Fassung des § 51 SGG zu beurteilen, welche im Zeit-

punkt der Einreichung der Antragsschrift am 28. Dezember 2001 gegolten habe

(§ 17 Abs. 1 Satz 1 GVG; Zöller/Vollkommer aaO § 920 Rdn. 12; Münch-

Komm.ZPO/Heinze, 2. Aufl., Vor § 916 Rdn. 32; Teplitzky, Wettbewerbsrechtli-

che Ansprüche und Verfahren, 8. Aufl., Kap. 55 Rdn. 1 m.w.N. in Fn. 2).

2. Ohne Erfolg wendet sich die Rechtsbeschwerde gegen die Beurteilung

des Beschwerdegerichts, bei dem von der Antragstellerin verfolgten Begehren

handele es sich um eine Streitigkeit, für die gemäß § 51 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3

SGG in der Fassung, in der diese Bestimmung in der Zeit vom 1. Juli 2001 bis

zum 1. Januar 2002 gegolten habe, der Rechtsweg zu den Gerichten der Sozi-

algerichtsbarkeit eröffnet gewesen sei.

a) Nach der genannten Bestimmung haben die Gerichte der Sozialge-

richtsbarkeit über Streitigkeiten aufgrund von Entscheidungen der Krankenkas-

sen auch insoweit zu befinden, als hierdurch Dritte betroffen sind. Die dortige

Regelung beschränkt sich allerdings auf Maßnahmen, die unmittelbar der Er-

füllung der den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen nach

dem Fünften Buch des Sozialgesetzbuches (SGB V) obliegenden öffentlich-

rechtlichen Aufgaben dienen. Die Entscheidung, ob für das streitgegenständli-

che Verfahren der Rechtsweg zu den Sozialgerichten eröffnet ist, hängt daher

maßgeblich davon ab, ob das Schwergewicht des Rechtsstreits bei solchen

Aufgaben anzusiedeln ist, deren Erfüllung den Krankenkassen unmittelbar auf-

grund der öffentlich-rechtlichen Bestimmungen des SGB V obliegt (vgl. BGH,

Beschl. v. 5.6.1997 - I ZB 26/96, WRP 1997, 1199, 1200 - Hilfsmittellieferungs-

vertrag; Beschl. v. 15.9.1999 - I ZB 59/98, GRUR 2000, 251, 252 = WRP 2000,

98 - Arzneimittelversorgung; Beschl. v. 8.9.2000 - I ZB 21/99, GRUR 2001, 87 =

WRP 2000, 1303 - Sondenernährung).

b) Danach ist die Zuständigkeit der Sozialgerichte gegeben.

Grundlage für den Verfügungsanspruch ist das Schreiben vom 20. No-

vember 2001, mit dem die Antragsgegnerin den Werbeprospekt samt Bestell-

unterlagen und Antwortkuvert der Firma D. an ihr Mitglied übersandt hat.

Die Antragsgegnerin hat hierzu vorgebracht, sie erfülle mit der Begleichung der

durch diese Firma bedienten Rezepte eine ihr gesetzlich zugewiesene Aufgabe.

Zu der von der Antragstellerin beanstandeten Verhaltensweise sei sie aufgrund

des in § 12 Abs. 1 SGB V niedergelegten Wirtschaftlichkeitsgebots berechtigt

gewesen.

Die Frage, ob dies zutrifft oder die Antragsgegnerin mit dem Schreiben

vom 20. November 2001 etwa deshalb wettbewerbswidrig gehandelt hat, weil

sie mit ihm ihr Mitglied über ein Tätigwerden informiert hat, das ihr nach den

sozialrechtlichen Vorschriften verboten war (vgl. dazu BGH, Urt. v. 19.1.1995

- I ZR 41/93, GRUR 1996, 213, 215 = WRP 1995, 475 - Sterbegeldver-

sicherung; Urt. v. 12.11.1998 - I ZR 105/96, GRUR 1999, 267, 269 = WRP

1999, 176 - Verwaltungsstellenleiter), betrifft die von den danach zuständigen

Gerichten der Sozialgerichtsbarkeit zu prüfende Frage der Begründetheit des

Verfügungsantrags (BGH GRUR 2000, 251, 253 - Arzneimittelversorgung).

Dasselbe gilt für den Vortrag der Antragstellerin, die Antragsgegnerin hafte für

und damit auch gemäß § 1 UWG wettbewerbswidrige Verhalten der Firma

D. als Störerin. Der Annahme, daß im Streitfall die Gerichte der Sozialge-

richtsbarkeit zur Entscheidung berufen sind, steht dabei auch nicht entgegen,

daß die Antragstellerin ihr Begehren auf die dem Privatrecht zuzurechnenden

Vorschriften der §§ 1, 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG stützt. Denn nach § 17 Abs. 2

Satz 1 GVG entscheidet das Gericht des zulässigen Rechtswegs den Rechts-

streit unter allen in Betracht kommenden rechtlichen Gesichtspunkten. Das be-

deutet, daß das für eine Anspruchsgrundlage zuständige Gericht auch über sol-

che Normen zu befinden hat, die für sich allein die Zuständigkeit einer anderen

Gerichtsbarkeit begründen würden

(BGH GRUR 2000, 251, 253

- Arzneimittelversorgung; GRUR 2001, 87, 88 - Sondenernährung).

IV.

Danach war die Rechtsbeschwerde auf Kosten der Antragstellerin zu-

rückzuweisen (§ 97 Abs. 1 ZPO).

Ullmann

Bornkamm

Pokrant

Büscher

Schaffert