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BPatG Beschluss vom 31.01.2022 – 9 W (pat) 19/17
9. Senat · ECLI:DE:BPatG:2022:310122B9Wpat19.17.0
BUNDESPATENTGERICHT
9 W (pat) 19/17 _______________________
(Aktenzeichen)
B E S C H L U S S
In der Beschwerdesache
betreffend die Patentanmeldung 10 2008 052 506.5
…
hat der 9. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts in der
Sitzung am 31. Januar 2022 unter Mitwirkung des Vorsitzenden Richters Dipl.-Ing.
Univ. Hubert sowie der Richter Kruppa und Dr.-Ing. Baumgart und der Richterin
Dipl.-Ing. Univ. Peters beschlossen:
Auf die Beschwerde der Anmelderin wird der Beschluss der
Prüfungsstelle für Klasse B60B des Deutschen Patent- und
Markenamts vom 26. Juli 2017 aufgehoben und die Anmeldung zur
weiteren Prüfung an das Deutsche Patent- und Markenamt
zurückverwiesen.
ECLI:DE:BPatG:2022:310122B9Wpat19.17.0
G r ü n d e
I.
Die Beschwerdeführerin ist Anmelderin der am 21. Oktober 2008 beim Deutschen
Patent- und Markenamt (DPMA) eingegangenen, dort mit dem Aktenzeichen
10 2008 052 506.5 geführten Patentanmeldung mit der Bezeichnung
„Radnabenteil“.
Mit dem angefochtenen Beschluss der Prüfungsstelle für Klasse B60B vom 26. Juli
2017, der mit Einschreiben durch Übergabe am 7. August 2017 zugestellt worden
sie nicht den Anforderungen des § 38 PatG genüge. Gegen diesen Zurückweisungsbeschluss wendet sich die Anmelderin mit ihrer am 31. August 2017 beim
DPMA eingegangenen, eine Begründung umfassende Beschwerde.
Im Prüfungsverfahren wurden die Druckschriften
E1 DE 199 13 024 A1,
E2 DE 199 31 174 A1 und
E3 DE 43 38 593 A1
ermittelt und in den ersten drei Prüfungsbescheiden jeweils zum Gegenstand des
Patentanspruchs 1 in der ursprünglich eingereichten Fassung ausgeführt, dass
dieser gegenüber dem aufgedeckten Stand der Technik nicht neu sei bzw. nicht auf
einer erfinderischen Tätigkeit beruhe.
Mit der Erwiderung vom 25. November 2014 auf den dritten Prüfungsbescheid
wurde ein geänderter Patentanspruch 1 eingereicht, zu dessen Gegenstand die
Prüfungsstelle in ihrem Ladungszusatz vom 7. Juli 2017 ausgeführt hat, dass
dessen Offenbarung durch die in der Eingabe genannte Stelle nicht gestützt sei,
sodass der Sachverhalt wie beantragt in einer Anhörung geklärt werden solle.
In der Anhörung am 26. Juli 2017 hat die Anmelderin eine vollständige Anspruchsfassung mit Patentansprüchen 1 bis 12 eingereicht, deren Patentanspruch 1
demjenigen entspricht, der zuvor am 25. November 2014 eingereicht wurde und
dem Ladungszusatz zugrundelag. Sie hat zudem ausgeführt, dass sie dessen
Gegenstand als ursprünglich offenbart ansieht. Die Prüfungsstelle für Klasse B60B
konnte sich der Meinung der Anmelderin nicht anschließen, sondern ist vielmehr zu
der Auffassung gelangt, dass die dem Wortlaut nach umfangreichere Ausgestaltung
nach dem vorliegenden Anspruch 1 nicht offenbart sei. Sie hat die Patentanmeldung
daher in der Anhörung gemäß §§ 38, 48, 45 (1) PatG zurückgewiesen.
Mit ihrer Beschwerde vom 31. August 2017 hat die Anmelderin sinngemäß folgende
Anträge gestellt:
- den angefochtenen Beschluss aufzuheben und
- ein Patent auf der Grundlage der in der Anhörung am 26. Juli 2017 vorgelegten Patentansprüche zu erteilen, wobei lediglich im Patentanspruch 1
die Ausdrücke „befestigbarer“ und „befestigten“ durch die Ausdrücke
„verschraubbarer“ und „verschraubten“ ersetzt werden.
- Hilfsweise wird mündliche Verhandlung beantragt.
Der geltende Patentanspruch 1 lautet nach dieser Maßgabe:
Zum Rotieren vorgesehenes, hohlzylinderartiges Radnabenteil, das
an einer seiner Stirnseiten eine flanschartige Auskragung umfasst,
und ein am Radnabenteil verschraubbarer Bremsscheibenträger,
beinhaltend folgende Merkmale:
-
-
Die Auskragung ist mit mehreren in Umfangsrichtung verteilt
angeordneten axialen Durchdringungen und/oder von besagter
Stirnseite aus mit sich axial erstreckenden Höhlungen ausgebildet,
in ringartigen Bereichen um die Öffnungen der Durchdringungen und/oder Höhlungen herum ist die Stirnseite gegenüber
Stirnseitenbereichen zwischen den Öffnungen axial vorstehend
ausgebildet, und
-
der Bremsscheibenträger umfasst einen lochscheibenartigen
Abschnitt, der bei am Radnabenteil verschraubten Bremsscheibenträger nur an den ringartigen Bereichen stirnseitig berührt.
Im Zwischenbescheid vom 28. Oktober 2021 hat der erkennende Senat der
Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass er die Anordnung eines Radnabenteils und
eines Bremsscheibenträgers gemäß geltendem Patentanspruch 1 als ursprünglich
offenbart ansieht und daher gedenkt, den in Rede stehenden Zurückweisungsbeschluss der Prüfungsstelle des DPMA aufzuheben. Da die Prüfungsstelle sich mit
der Patentfähigkeit dieser Anordnung noch nicht befasst und dazu noch nicht
recherchiert hat, komme auch eine Zurückverweisung an das DPMA gemäß § 79
Abs. 3 Nr. 1 PatG in Betracht. Die Beschwerdeführerin wurde aufgefordert, sich
dazu zu äußern und
insbesondere den hilfsweise gestellten Antrag zur
Durchführung einer mündlichen Verhandlung zu überdenken. Denn falls die
Beschwerdeführerin ihren Antrag auf mündliche Verhandlung zurückzöge, könnte
der Senat auf schriftlichem Wege beschließen.
Mit ihrer Eingabe vom 9. November 2021 nahm die Beschwerdeführerin ihren
Antrag auf mündliche Verhandlung zurück.
Zu weiteren Einzelheiten wird auf den Akteninhalt verwiesen.
II.
1.
Zurückweisung der Anmeldung ist form- und fristgerecht eingelegt worden und auch
im Übrigen zulässig (§ 73 PatG, § 6 PatKostG).
2.
In der Sache hat die Beschwerde auch insoweit Erfolg, als sie zur Aufhebung
der angefochtenen Entscheidung und zur Zurückverweisung für die weitere Bearbeitung und Prüfung der Anmeldung an das DPMA führt (§ 79 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1
PatG).
3.
Die Streitanmeldung betrifft ein zum Rotieren vorgesehenes, hohlzylinderartiges Radnabenteil, das an einer seiner Stirnseiten eine flanschartige Auskragung
umfasst,
in Einheit mit einem Bremsscheibenträger, vgl. geltenden Patentanspruch 1 sowie Abs. [0001] der mit den ursprünglichen Anmeldungsunterlagen
identischen Offenlegungsschrift der Streitanmeldung DE 10 2008 052 506 A1, im
Weiteren mit OS kurzbezeichnet.
Weiter wird in der Beschreibungseinleitung der OS ausgeführt, dass es aus dem
Stand der Technik bekannt sei, dass bei einem mit einer Scheibenbremse
versehenen Fahrzeugrad eine Wärmeübertragung von der Bremsscheibe hin zur
Radlagerung an sich unerwünscht sei. Beispielsweise aus der Druckschrift
DE 693 10 512 T2 sei dazu eine Lösung bekannt, wie eine derartige Wärmeübertragung durch eine vergleichsweise komplexe Ausbildung der Radnabe reduzierbar
sei, Abs. [0002] der OS.
Eine Aufgabe der vorliegenden Erfindung sei es dabei, ein eingangs beschriebenes
Radnabenteil mit einem damit verschraubbaren Bremsscheibenträger zu schaffen,
bei denen trotz kompakter Bauweise die Wärmeübertragungsproblematik angemessen berücksichtigt sei, vgl. erneut geltender Patentanspruch 1 sowie Abs. [0003]
der OS.
4.
Als Fachmann legt der Senat einen Ingenieur der Fachrichtung Fahrzeugtechnik fest, der über mehrjährige Berufserfahrung in der Entwicklung von Bremsanlagen für Fahrzeuge verfügt.
5.
Die Beschwerde ist deshalb begründet, weil das Patenterteilungshindernis
der unzulässigen Erweiterung gemäß § 38 PatG nicht vorliegt. Allerdings war die
Sache gemäß § 79 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 und 3 PatG an das DPMA zurückzuverweisen. Diese Vorschrift bestimmt, dass das Patentgericht die angefochtene
Entscheidung ohne eigene Sachentscheidung aufheben kann, wenn einzelne
Voraussetzungen für die im jeweiligen Verfahren begehrte Rechtsfolge, vorliegend
die Patenterteilung seitens des Patent- und Markenamts – auch wenn dies aufgrund
des seiner Entscheidung zugrundeliegenden, sich aber im Beschwerdeverfahren
als unzutreffend angenommenen Sach- und Rechtsgrunds folgerichtig gewesen
sein mag – noch nicht so weit aufgeklärt und überprüft worden sind, dass eine
abschließende Entscheidung des Gerichts getroffen werden kann (vgl. Benkard,
Patentgesetz, 11. Auflage, § 79, Rdn. 42 und 43; Schulte/Püschel Patentgesetz,
10. Auflage, § 79, Rdn. 19 bis 21 – jeweils m.w.N.).
So verhält es sich auch hier.
5.1
Der Prüfung einer unzulässigen Erweiterung muss die Ermittlung des Sinngehalts des hierauf zu überprüfenden Patentanspruchs vorausgehen (vgl. BGH
GRUR 2015, 875 – Rotorelemente).
Zur leichteren Bezugnahme ist der geltende Patentanspruch 1 nachfolgend in einer
sinnfällig umstrukturierten Merkmalsgliederung angeführt. Dabei sind Unterschiede
zum ursprünglichen Anspruch 1 durch Durch- bzw. Unterstreichung gekennzeichnet:
M1
M1.1
M1.2
M1.3
Radnabenteil
hohlzylinderartig und
zum Rotieren vorgesehen,
das an einer seiner Stirnseiten eine flanschartige Auskragung
umfasst,
M1.3.1a
die mit mehreren in Umfangsrichtung verteilt angeordneten axialen Durchdringungen ausgebildet ist und/oder
M1.3.1b
von besagter Stirnseite aus mit sich axial erstreckenden
M1.3.2
wenigstens in Teilbereichen in Bereichen um die
Höhlungen ausgebildet ist,
Öffnungen der Durchdringungen und/oder Höhlungen
herum ist die Stirnseite gegenüber Stirnseitenbereichen
zwischen den Öffnungen axial vorstehend ausgebildet
M1.3.2.1
die Bereiche um die Öffnungen sind ringartig
M2
M2.1
M2.2
M2.2.1
und
Bremsscheibenträger,
der am Radnabenteil verschraubbar ist,
der einen lochscheibenartigen Abschnitt umfasst,
der bei am Radnabenteil verschraubten Bremsscheibenträger nur an den ringartigen Bereichen stirnseitig
berührt.
Der geltende Patentanspruch 1 ist gerichtet auf eine Einheit aus einem Radnabenteil gemäß Merkmalsgruppe M1 und einem Bremsscheibenträger nach Merkmalsgruppe M2, die mit weiteren Bauteilen, von denen eine Bremsscheibe, ein Wälzlager und eine Radfelge in der OS angeführt werden, in einem Rad eines Kraftfahrzeugs beispielsweise eines Lkws vorgesehen sein können, vgl. Unteransprüche 5,
11 bis 13 und Abs. [0011] der OS.
Nach den Merkmalen M1.1 und M1.2 ist das hohlzylinderartige Radnabenteil zum
Rotieren vorgesehen. Es kann, muss aber nicht, einstückig als Schmiedeteil aus
einem Wälzlagerstahl hergestellt sein, vgl. Abs. [0011] der OS. Das im Anspruch
lediglich durch die weiteren Merkmale M1.3 bis M1.3.2 näher definierte Radnabenteil ist dabei nicht mit einer Radnabe in einer Gesamtheit gleichzusetzen, zu deren
Ausgestaltung im Weiteren sich die Anmeldung im Übrigen nicht verhält; so ist in
der einzigen Figur sogar nur der Ausschnitt des Radnabenteils dargestellt, der für
die beanspruchte Einheit aus Radnabenteil und Bremsscheibenträger von Belang
ist, vgl. Abs. [0009] der OS. Wie sich aus den weiteren Merkmalen ergeben wird,
umfasst das Radnabenteil dafür gemäß Merkmal M1.3 an einer seiner Stirnseiten
eine flanschartige Auskragung, die nach der einzigen Figur der OS umlaufend nach
außen gerichtet sein kann. Die Merkmale M1.3.1a und M1.3.1b schreiben für diese
Auskragung folgende alternative Ausgestaltungen vor: die Ausbildung mit in
Umfangsrichtung verteilt angeordneten axialen Durchdringungen und/oder sich von
besagter Stirnseite axial erstreckenden Höhlungen. Durch die auch mögliche
und-Verknüpfung können Durchdringungen und Höhlungen auch gemeinsam
vorgesehen sein. Bei den Durchdringungen kann es sich um Gewindebohrungen
zur Befestigung des Bremsscheibenträgers mittels Schrauben handeln, vgl. Abs.
[0009] und [0010] der OS, wobei die Verbindung zu der Einheit mittels Schrauben
durch die Festlegung „verschraubbar“ und „verschraubt“ in den Merkmale M2.1 und
M2.2.1 gefordert ist. In der Ausgestaltung mit Höhlungen wird der Fachmann dafür
entsprechende Sacklöcher vorsehen.
Beiden Ausgestaltungen gemein ist, dass gemäß Merkmal M1.3.2 die Stirnseite um
die dort liegenden Öffnungen der Durchdringungen/Höhlungen jeweils einen über
die sonstige Stirnseitenoberfläche axial hervorstehenden Bereich ausbildet, der
ringartig ist, wie Merkmal M1.3.2.1 vorschreibt. Einen „ringartigen“ Bereich zeichnet
dabei aus, dass er die jeweilige Öffnung komplett umgibt und demnach die Innenkante des Rings dem Umfang der jeweiligen Öffnung folgt. Der Verlauf der Außenkante der ringartigen Bereiche ist dem Fachmann überlassen, jedenfalls kann der
Fachmann der OS keine mit der Öffnung konzentrischen Verlauf entnehmen, vgl.
Unteranspruch 7, Figur und Abs. [0009] der OS. Der Wortlaut „ringartig vorstehende
Bereiche“ schließt aus, dass einer dieser Bereiche in den Benachbarten übergeht;
zwischen einem eine Öffnung umgebenden vorstehenden Ring und dem danebenliegenden die benachbarte Öffnung umgebenden Ring muss die Stirnseite der
Auskragung demnach auch rückspringende Bereiche aufweisen.
Der weitere Teil der beanspruchten Einheit, der Bremsscheibenträger des Merkmals
M2, ist gemäß Merkmal M2.1 am anderen Teil der Anordnung, dem Radnabenteil,
verschraubbar. Die Merkmale M2.2 und M2.2.1 legen fest, dass er einen lochscheibenartigen Abschnitt umfasst, der bei am Radnabenteil verschraubten Bremsscheibenträger, also bei bestehender Einheit, nur an den ringartigen Bereichen berührt.
Ob der lochscheibenartige Abschnitt selbst plan ausgeführt ist oder Vor- und
Rücksprünge aufweist, lässt der Patentanspruch offen, solange der in Rede
stehende Kontakt zwischen der Auskragung des Radnabenteils und dem Abschnitt
des Bremsscheibenträgers eben nur an den ringartigen Bereichen erfolgt.
Im Ausführungsbeispiel ist angegeben, dass der Bremsscheibenträger noch einen
hülsenartigen Abschnitt umfassen könne, der den Außenmantel der Auskragung
des Radnabenteils umschließe und an dessen einem Ende sich der lochscheibenartige Abschnitt des Merkmals M2.2 des Gegenstands nach Anspruch 1 anschließe.
Nach außen hin schließe sich die Bremsscheibe an, die mit dem Bremsscheibenträger eine bauliche Einheit bilden könne (vgl. Abs. [0010] der OS). Der hülsenartige
Abschnitt und die Bremsscheibe sind jedoch nicht Teil des Gegenstands nach
Anspruch 1.
5.2
Die Änderungen, die im geltenden Patentanspruch 1 gegenüber dem
ursprünglich eingereichten Patentanspruch 1 durchgeführt wurden, sind zulässig,
denn bis zum Beschluss über die Erteilung des Patents sind Änderungen der in der
Anmeldung enthaltenen Angaben, die den Gegenstand der Anmeldung nicht
erweitern, zulässig (vgl. § 38 PatG). Den ursprünglichen Unterlagen ist nämlich
bereits ein Gegenstand zu entnehmen, der demjenigen des geltenden Patentanspruchs 1 entspricht.
Zweifellos ist die Änderung in Merkmal M1.3.2 zulässig, wonach die Stirnseite der
Auskragung des Radnabenteils nicht nur „wenigstens in Teilbereichen“, sondern „in
ringartigen Bereichen“ um die Öffnungen vorstehend ausgebildet ist. Denn eine
derartige Ausbildung der vorstehenden Bereiche ist bereits dem ursprünglichen
Unteranspruch 6 zu entnehmen.
Auch die Ergänzung des Patentanspruchs 1 mit Merkmalsgruppe M2, sodass dieser
nicht mehr nur auf ein Radnabenteil, sondern auf eine Einheit aus einem Radnabenteil und einem Bremsscheibenträger gemäß Merkmalsgruppe M2 gerichtet ist,
ist zulässig, weil eine solche Einheit ebenfalls bereits den ursprünglichen Unterlagen zu entnehmen war. Denn aus der Kombination der ursprünglichen Ansprüche
1 und 11 sowie in den Abs. [0006] und [0010] der OS ist bereits angegeben, dass
an der Stirnseite ein Bremsscheibenträger anliegend befestigt bzw. verschraubt ist,
wie es mit den Merkmalen M2.2 und M2.2.1 angegeben ist.
Dabei ist mit den ursprünglichen Unterlagen auch nicht zwingend vorgegeben, dass
der Bremsscheibenträger einen hülsenartigen Abschnitt aufweisen muss, an den
sich der lochscheibenartige Abschnitt des Merkmals M2.1 anschließt. Im allgemeinen Teil der Beschreibung ist die Verbindung des Bremsscheibenträgers an der
Stirnseite der Auskragung des Radnabenteils zwingend offenbart, vgl. Abs. [0006]
der OS. Als eine vorteilhafte Ausgestaltung ist dann die (zusätzliche) Verbindung
am Außenmantel der Auskragung über einen beispielsweise hülsenartigen
Abschnitt des Bremsscheibenträgers offenbart, vgl. Abs. [0007] der OS. Das
Ausführungsbeispiel stellt dann auf eine Ausbildung mit beiden Verbindungen ab,
vgl. Abs. [0010] der OS. Eine Beschränkung auf die zwingend vorgegebene Ausgestaltung der Verbindung zwischen Radnabenteil und Bremsscheibenträger ist
demnach zulässig.
Daran ändert auch nichts, dass der Abschnitt des Bremsscheibenträgers, der an
der Stirnseite des Radnabenteils gemäß Patentanspruchs 1 anliegen soll, nur im
Ausführungsbeispiel als lochscheibenartig bezeichnet wird, wo jedoch der Bremsscheibenträger auch mit einem hülsenartigen Abschnitt ausgebildet ist. Schon der
Verschraubung über die Stirnseite der Auskragung des Radnabenteils mit dem
lochscheibenartigen Abschnitt des Bremsscheibenträgers wird in Abs. [0006] der
OS der Erfolg zugesprochen, der Reduzierung der Wärmeübertragungsflächen
zwischen Radnabenteil und Bremsscheibenträger förderlich zu sein. Die weitere
Verbindung über den Außenmantelbereich der Radnabenauskragung und dem
hülsenartigen Abschnitt des Bremsscheibenträgers ist, wie vorstehend bereits
erwähnt, lediglich als vorteilhafte Ausgestaltung offenbart, vgl. Unteransprüche 4
und 5 sowie Abs. [0007] der OS.
Die Anmelderin ist nicht verpflichtet Merkmale in den Hauptanspruch aufzunehmen,
die die zweite lediglich vorteilhafte Ausgestaltung spezifizieren und er kann sich auf
diejenigen Elemente beschränken, die zur ersten zwingend vorgeschriebenen Ausgestaltung gehören, ohne den Gegenstand unzulässig zu erweitern. Denn bei der
Ausschöpfung des Offenbarungsgehalts sind auch Verallgemeinerungen
ursprungsoffenbarter Ausführungsbeispiele zulässig. Dies gilt besonders dann,
wenn von mehreren Merkmalen eines Ausführungsbeispiels, die zusammengenommen, aber auch für sich betrachtet dem erfindungsgemäßen Erfolg förderlich
sind, nur eines oder nur einzelne in den Anspruch aufgenommen worden sind (vgl.
BGH GRUR 2020, 728 – Bausatz).
5.3
Im vorliegenden Fall war nach Wegfall des Zurückweisungsgrundes der
unzulässigen Erweiterung der Beschluss aufzuheben und die Sache an das DPMA
zurückzuverweisen, weil dieses sowohl in der Sache noch nicht entschieden hat als
auch neue Tatsachen bekannt geworden sind, die für die Entscheidung wesentlich
sind (§ 79 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 und 3 PatG).
Der im Verfahren befindliche Stand der Technik (Druckschriften E1 bis E3) war zur
ursprünglich eingereichten Anspruchsfassung ermittelt und bewertet worden. Mit
dem auf den dritten Prüfungsbescheid eingereichten Anspruch 1, der auch Grundlage von Ladungszusatz, Anhörung und Zurückweisung war und für den auf Merkmale zurückgegriffen wurde, die nicht in den ursprünglichen Unteransprüchen,
sondern in der Beschreibung enthalten waren, war aus Sicht der Prüfungsstelle ein
Gegenstand vorgelegt worden, der über den Inhalt der ursprünglichen Anmeldung
hinausging. Die Prüfungsstelle hat die Anmeldung daher gemäß § 48 i.V.m. §§ 38
und 45 PatG zurückgewiesen, ohne zur materiell rechtlichen Patentfähigkeit
Stellung zu nehmen. Es ist auch aus den Akten nicht ersichtlich, dass sie zu dem
Gegenstand des Patentanspruchs 1, der der Zurückweisung zugrunde lag, insbesondere bezüglich des am Radnabenteil befestigbaren Bremsscheibenträgers,
recherchiert hat, wozu sie wegen des Bestehens des Mangels der unzulässigen
Erweiterung auch nicht angehalten war. Insofern hat das DPMA noch nicht im Sinne
von § 79 Abs. 3 Satz 1 PatG über die Patentfähigkeit des der Zurückweisung
zugrundeliegenden Gegenstands entschieden.
Mit der Beschwerde wird der Antrag auf Patenterteilung durch die Einschränkung
der Verbindungsart zwischen Bremsscheibenträger und Radnabenteil von Befestigung auf Verschraubung auf Grundlage eines neuen Patentanspruchs weiterverfolgt, dessen Gegenstand, wie unter Abschnitt 5.2 ausgeführt wurde, bereits den
ursprünglich am Anmeldetag eingereichten Unterlagen zu entnehmen war. Insofern
sind im Sinne von § 79 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 PatG neue Tatsachen bekannt
geworden.
Es steht im Ermessen des Senats, ob eine Zurückverweisung an das DPMA erfolgt.
Sie sollte aber regelmäßig erfolgen, wenn zur Klärung eines Sachverhalts noch
weitere, umfangreichere Recherchen notwendig sind, denn das Bundespatentgericht ist vorrangig für die Rechtskontrolle und nicht für die Ausführung von dem
Patentamt als Verwaltungsbehörde kraft Gesetzes übertragenen exekutiven
Aufgaben zuständig, wie es die Recherche ist. Zwar führt die Zurückverweisung zu
einem Zeitverzug bis zur endgültigen Entscheidung über eine Anmeldung, doch ist
die Anmeldung dann an das DPMA zurückzuverweisen, wenn eine Sachaufklärung
notwendig erscheint, die die Prüfungsstelle des DPMA aufgrund ihres Prüfstoffs und
den ihr zur Verfügung stehenden Recherchemöglichkeiten in Datenbanken zuverlässiger zu leisten vermag. Außerdem wird auf diese Weise für den Anmelder der
Verlust einer Instanz vermieden (vgl. Benkard, Patentgesetz, 11. Auflage, § 79 Rdn.
41 und 50 und Schulte/Püschel, Patentgesetz, 10. Auflage, § 79 Rdn. 16 und 26).
Die Sache war daher an das DPMA zurückzuverweisen.
6.
Für eine Anordnung, die Beschwerdegebühr zurückzuzahlen, besteht kein
Anlass.
Rechtsmittelbelehrung
Gegen diesen Beschluss steht dem am Beschwerdeverfahren Beteiligten das
Rechtsmittel der Rechtsbeschwerde zu. Da der Senat die Rechtsbeschwerde nicht
zugelassen hat, ist sie nur statthaft, wenn gerügt wird, dass
1.
2.
3.
4.
das beschließende Gericht nicht vorschriftsmäßig besetzt war,
bei dem Beschluss ein Richter mitgewirkt hat, der von der Ausübung des
Richteramtes kraft Gesetzes ausgeschlossen oder wegen Besorgnis der
Befangenheit mit Erfolg abgelehnt war,
einem Beteiligten das rechtliche Gehör versagt war,
ein Beteiligter im Verfahren nicht nach Vorschrift des Gesetzes vertreten
war, sofern er nicht der Führung des Verfahrens ausdrücklich oder
stillschweigend zugestimmt hat,
5.
der Beschluss aufgrund einer mündlichen Verhandlung ergangen ist, bei
der die Vorschriften über die Öffentlichkeit des Verfahrens verletzt worden
sind, oder
6.
der Beschluss nicht mit Gründen versehen ist.
Die Rechtsbeschwerde ist innerhalb eines Monats nach Zustellung des Beschlusses
beim Bundesgerichtshof, Herrenstraße 45a, 76133 Karlsruhe durch einen beim
Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwalt als Bevollmächtigten schriftlich
einzulegen.
Hubert
Kruppa
Dr. Baumgart
Peters
ob