BGH Urteil vom 02.04.2009 – I ZR 16/07
I. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 2. April 2009 Bürk Justizhauptsekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 2. April 2009 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Bornkamm und
die Richter Pokrant, Prof. Dr. Büscher, Dr. Bergmann und Dr. Kirchhoff
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des Hanseatischen
Oberlandesgerichts Hamburg, 6. Zivilsenat, vom 11. Januar 2007
aufgehoben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurück-
verwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Klägerinnen sind zu gleichen Teilen (25%) Transportversicherer der
P. El. T. GmbH
in H.
(im Weiteren: Versenderin). Sie
nehmen die Beklagte, die einen Paketbeförderungsdienst betreibt, wegen des
Verlustes von Transportgut aus abgetretenem Recht der Warenempfängerin auf
Schadensersatz in Anspruch.
Die Versenderin veräußerte im September 2001 an die in Brüssel/
Belgien, Rue Victor Hugo 51 ansässige E. S. P. R. L. (im Weiteren: Empfän-
gerin) Festplatten und Speichermodule zum Gesamtpreis von 269.744,54 €. Mit
der Beförderung des nach der Behauptung der Klägerinnen in 48 Paketen ver-
packten Gutes beauftragte die Versenderin die Beklagte. In den von der Ver-
senderin im sogenannten EDI-Verfahren elektronisch hergestellten Frachtpapie-
ren war in der Rubrik "Empfänger" folgende Eintragung enthalten: "Kontakt: A.
E. à disposition Tel.: + Woluwenlan, 156, 1831 D Belgien".
Unter der eingetragenen Anschrift hat eine Schwestergesellschaft der Beklag-
ten (United Parcel Service Belgium N.V.) ihren Sitz, die dort ein Zustellcenter
betreibt. Die Geschäftsadresse der Empfängerin wurde in den Frachtpapieren
nicht genannt und war der Beklagten auch nicht bekanntgegeben worden.
Die Klägerinnen haben behauptet, die von der Beklagten am 14. Sep-
tember 2001 übernommenen 48 Pakete hätten die bestimmungsgemäße Emp-
fängerin nicht erreicht. Es könne schon nicht davon ausgegangen werden, dass
die Beklagte das Gut bei ihrer Schwestergesellschaft in Diegem/Belgien abge-
liefert habe. Sie, die Klägerinnen, hätten an die Insolvenzverwalterin der Emp-
fängerin jeweils 69.055,81 € als Entschädigung für den Verlust der Ware ge-
zahlt. Daraufhin habe die Insolvenzverwalterin die Ansprüche der Empfängerin
gegen die Beklagte an die für die Klägerinnen als Vertreterin handelnde Asse-
kuradeurin abgetreten.
Die Klägerinnen sind der Ansicht, die Beklagte könne sich nicht auf ge-
setzliche oder in ihren Beförderungsbedingungen vorgesehene Haftungsbe-
schränkungen berufen, da sie zu den näheren Umständen des Verlustes keinen
Vortrag halten könne und selbst einräume, bei Standardsendungen keine
Schnittstellenkontrollen vorzunehmen. Sie beanspruchen daher die Zahlung
von jeweils 67.055,81 € (insgesamt 268.223,24 €) nebst Zinsen.
Die Beklagte hat demgegenüber geltend gemacht, sie habe aus dem mit
der Versenderin geschlossenen Beförderungsvertrag die Ablieferung der 48 für
die Empfängerin bestimmten Pakete bei ihrer Schwestergesellschaft in Diegem/
Belgien geschuldet. Dort sei das Gut am 17. und 18. September 2001 vollstän-
dig angeliefert und später auch von der Empfängerin abgeholt worden. Jeden-
falls müssten sich die Klägerinnen ein Mitverschulden der Versenderin wegen
Unterlassens einer Wertdeklaration und eines Hinweises auf die Gefahr eines
ungewöhnlich hohen Schadens zurechnen lassen.
Das Landgericht hat die Beklagte unter Abweisung der Klage im Übrigen
verurteilt, an jede Klägerin 593,08 € nebst Zinsen zu zahlen. Auf die Berufung
der Klägerinnen hat das Berufungsgericht der Klage in vollem Umfang stattge-
geben; die Anschlussberufung der Beklagten hat es zurückgewiesen.
Mit der vom Senat zugelassenen Revision erstrebt die Beklagte die Wie-
derherstellung des erstinstanzlichen Urteils. Die Klägerinnen beantragen, das
Rechtsmittel zurückzuweisen.
Entscheidungsgründe
I. Das Berufungsgericht hat eine unbeschränkte Haftung der Beklagten
für den Verlust der streitgegenständlichen 48 Pakete aus Art. 17 Abs. 1, Art. 29
CMR angenommen. Dazu hat es ausgeführt:
Aufgrund der zutreffenden Tatsachenfeststellung des Landgerichts sei
davon auszugehen, dass die Beklagte 47 der aus 48 Paketen bestehenden
Sendung bei ihrem Schwesterunternehmen in Diegem angeliefert habe. Dieser
Umstand stelle aber keine die Haftung ausschließende Ablieferung des Gutes
dar. Der Hinweis in den Frachtpapieren, dass die Empfängerin telefonisch zu
kontaktieren sei, habe sich allein an die Beklagte gerichtet. Damit habe die Ver-
senderin deutlich gemacht, dass die bloße Anlieferung im Zustellcenter in
Diegem noch keine Ablieferung des Gutes habe darstellen sollen. Die Ware ha-
be dort vielmehr bis zu ihrer Abholung durch die Empfängerin gelagert werden
sollen.
Eine tatsächliche Aushändigung des Gutes an die Empfängerin habe die
insoweit beweisbelastete Beklagte nicht hinreichend dargetan. Sie habe mit
ihrer Klageerwiderung lediglich "ins Blaue hinein" vorgetragen, dass die
Empfängerin die streitgegenständlichen Pakete im Zustellcenter in Diegem ab-
geholt habe. Dem Beweisantritt der Beklagten "Zeugnis des Geschäftsführers
der Empfängerin" habe daher nicht nachgegangen werden müssen.
Der von der Beklagten erhobene Mitverschuldenseinwand wegen Unter-
lassens einer Wertdeklaration greife nicht durch, da sich das in Rede stehende
Unterlassen im Streitfall nicht schadensursächlich ausgewirkt habe.
II. Die gegen diese Beurteilung gerichteten Angriffe der Revision haben
Erfolg. Sie führen zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Zurückverwei-
sung der Sache an das Berufungsgericht.
1. Ohne Erfolg wendet sich die Revision allerdings gegen die Auffassung
des Berufungsgerichts, die Anlieferung von 47 der aus insgesamt 48 Paketen
bestehenden Sendung bei der Schwestergesellschaft der Beklagten in Diegem/
Belgien habe keine haftungsbefreiende Ablieferung des Gutes an die bestim-
mungsgemäße Empfängerin gemäß Art. 17 Abs. 1 CMR dargestellt.
a) Die bloße Ankunft des Gutes am Bestimmungsort führt nicht ohne
weiteres zu einer Ablieferung i.S. von Art. 17 Abs. 1 CMR. Dafür ist vielmehr
grundsätzlich erforderlich, dass der Frachtführer den Gewahrsam über das be-
förderte Gut aufgibt und den Empfänger mit dessen Willen und Einverständnis
in die Lage versetzt, die tatsächliche Sachherrschaft über das Gut auszuüben
(Koller, Transportrecht, 6. Aufl., Art. 17 CMR Rdn. 6; Thume/Thume, Kommen-
tar zur CMR, 2. Aufl., Art. 17 Rdn. 21). Das Gut muss an den nach dem Fracht-
vertrag verfügungsberechtigten (Art. 12, 13 CMR) Empfänger - das war hier die
in den elektronisch hergestellten Frachtpapieren benannte "A. E. S.P.R.L." -
abgeliefert werden (BGH, Urt. v. 13.7.1979 - I ZR 108/77, VersR 1979, 1154;
Urt. v. 13.7.2000 - I ZR 49/98, TranspR 2000, 409, 411 = VersR 2001, 261).
b) Von diesen Grundsätzen ist auch das Berufungsgericht ausgegangen.
Es ist im Wege einer tatrichterlichen Auslegung der zwischen der Versenderin
und der Beklagten getroffenen Vereinbarungen zu der Annahme gelangt, dass
die Beklagte ihre Ablieferungsverpflichtung aus dem mit der Versenderin ge-
schlossenen Frachtvertrag nicht schon durch die Übergabe des Gutes an ihre
belgische Schwestergesellschaft in Diegem erfüllt hat. Das Berufungsgericht
hat maßgeblich darauf abgestellt, dass die Beklagte aufgrund des Hinweises in
den Frachtpapieren, dass die Empfängerin telefonisch zu kontaktieren sei, ver-
pflichtet war, die Empfängerin von der Ankunft des Gutes im Lager in Diegem in
Kenntnis zu setzen. Dementsprechend konnte eine haftungsbefreiende Abliefe-
rung der Ware frühestens mit einer Benachrichtigung der Empfängerin eintre-
ten. Denn erst dadurch wurde diese in die Lage versetzt, von der Ankunft des
Gutes in Belgien zu erfahren und es entgegenzunehmen. Die Beklagte hat nicht
dargelegt, dass sie die Empfängerin von der Ankunft der Sendung im Lager ih-
rer Schwestergesellschaft in Diegem in Kenntnis gesetzt hat. Des Weiteren hat
das Berufungsgericht angenommen, dass die Beklagte aufgrund des Um-
stands, dass in den elektronisch hergestellten Frachtpapieren als Ablieferungs-
stelle die Anschrift ihrer belgischen Schwestergesellschaft angegeben war,
nicht davon ausgehen konnte, die Empfängerin sei bereit gewesen, das von ihr
nicht steuerbare Risiko eines Warenverlusts im Lager von UPS Belgien vor Be-
nachrichtigung vom Wareneingang zu tragen. Die Absenderin habe - so das
Berufungsgericht - mit dem Benachrichtigungshinweis in den Frachtpapieren
deutlich gemacht, dass die bloße Anlieferung des Gutes in Diegem noch nicht
zu einer haftungsbefreienden Ablieferung i.S. von Art. 17 Abs. 1 CMR führen
würde, sondern dass die Ware dort bis zu ihrer Abholung habe gelagert werden
sollen.
c) Diese Beurteilung hält der revisionsrechtlichen Nachprüfung stand.
Die Revision macht demgegenüber vergeblich geltend, das Berufungsgericht
habe bei seinen Feststellungen wesentlichen Vortrag der Beklagten unter Ver-
stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG unberücksichtigt gelassen.
aa) Die Revision rügt, das Berufungsgericht habe bei seiner Auslegung
der zwischen der Versenderin und der Beklagten getroffenen Vereinbarungen
den Inhalt des Schreibens der Versenderin vom 1. Februar 2002 (Anl. K 9) an
die Beklagte, in dem unter anderem darauf hingewiesen werde, dass die Ware
im UPS-Center in Diegem zur Abholung durch den Kunden habe bereitgestellt
werden sollen, außer Acht gelassen. Des Weiteren habe die Beklagte vorgetra-
gen, es treffe nicht zu, dass die Telefonnummer der Empfängerin in den
Frachtpapieren angegeben worden sei, um die Ablieferung abzusprechen. In
den Frachtpapieren sei auch in der Rubrik "Versender" eine Telefonnummer
(der Versenderin) genannt. Die Parteiangaben seien offensichtlich bei der Er-
stellung der im EDI-Verfahren elektronisch erzeugten Frachtpapiere automa-
tisch um die jeweiligen Telefonnummern ergänzt worden, um der Beklagten
nicht nur schriftliche, sondern auch telefonische Kommunikation zu ermögli-
chen. Anhaltspunkte dafür, dass die Beklagte (oder ihre belgische Schwester-
gesellschaft) insoweit die Verpflichtung übernommen habe, die Empfängerin
telefonisch über den Eingang des Gutes zu informieren, könnten der Angabe
der Telefonnummer ersichtlich nicht entnommen werden. Die Beklagte habe
zudem geltend gemacht, dass die Übernahme einer derartigen Nebenpflicht für
sie zu keiner Zeit in Betracht gekommen wäre.
bb) Dieses Vorbringen verhilft der Revision nicht zum Erfolg. Das Beru-
fungsgericht hat sich insbesondere ausdrücklich mit dem Umstand auseinan-
dergesetzt, dass in den elektronisch hergestellten Frachtpapieren die Anschrift
des Zustellcenters von UPS Belgien als Ablieferungsadresse genannt ist.
Ebenso hat sich das Berufungsgericht mit der Angabe der Telefonnummer in
den Frachtpapieren befasst und ist dabei im Wege tatrichterlicher Würdigung zu
seiner Annahme gelangt, dass die Versenderin mit dem Hinweis auf eine Kon-
taktaufnahme zur Empfängerin verdeutlicht habe, dass die Anlieferung des Gu-
tes bei dem belgischen Schwesterunternehmen der Beklagten noch keine haf-
tungsbefreiende Ablieferung darstellen sollte. Das Berufungsgericht hat maß-
geblich darauf abgestellt, dass sich weder aus dem Vortrag der Beklagten noch
aus den Umständen ihrer Beauftragung Anhaltspunkte für die Annahme erge-
ben, die Empfängerin sei bereit gewesen, das von ihr nicht beherrschbare Risi-
ko eines Warenverlustes im Lager der Schwestergesellschaft der Beklagten in
Belgien zu übernehmen. Die Revision zeigt nicht auf, dass das Berufungsge-
richt dabei entgegenstehenden Tatsachenvortrag der Beklagten unberücksich-
tigt gelassen hat. Es hat den von der Revision angeführten Umständen lediglich
eine andere Bedeutung als die Revision beigemessen. Hierin liegt kein Verstoß
gegen Art. 103 Abs. 1 GG. Es ist auch sonst nicht ersichtlich, dass dem Beru-
fungsgericht bei seiner tatrichterlichen Würdigung der Sachverhaltsumstände
Rechtsfehler unterlaufen sind.
Entgegen der Auffassung der Revision kann auch nicht angenommen
werden, dass die Empfängerin (zumindest stillschweigend) mit der Ablieferung
des Gutes im Zustellcenter in Diegem/Belgien einverstanden war. Die von der
Revision angeführten Umstände reichen dafür nicht aus.
2. Mit Erfolg wendet sich die Revision aber dagegen, dass das Beru-
fungsgericht den Vortrag der Beklagten, die Pakete seien von der rechtmäßigen
Empfängerin bei ihrem Schwesterunternehmen in Diegem/Belgien abgeholt
worden, mangels hinreichender Substantiierung bei seiner Entscheidung nicht
berücksichtigt hat.
a) Das Berufungsgericht hat angenommen, die darlegungs- und beweis-
belastete Beklagte habe nicht hinreichend dargetan, dass die von ihr beförder-
ten Pakete tatsächlich der Empfängerin ausgehändigt oder jedenfalls zur Über-
nahme angedient worden seien. Sie habe mit ihrer Klageerwiderung lediglich
gänzlich unsubstantiiert vorgetragen, dass die Pakete "im folgenden durch die
Empfängerin dort abgeholt worden seien; die Empfängerin habe die Pakete er-
halten". Dieser Vortrag sei offenkundig "ins Blaue hinein" erfolgt, da er keinerlei
Angaben enthalte, wann und zwischen welchen Personen die Übernahme
stattgefunden habe. Die Beklagte habe auch keinerlei Empfangsbestätigungen
vorgelegt. Bei dieser Sachlage stelle der Beweisantritt "Zeugnis des Geschäfts-
führers der Empfängerin" einen unzulässigen Ausforschungsbeweis dar, dem
nicht nachzugehen sei. Hierauf sei die Beklagte in der mündlichen Verhandlung
am 12. Oktober 2006 ausdrücklich hingewiesen worden.
b) Diese Beurteilung hält der revisionsrechtlichen Nachprüfung nicht
stand. Die Entscheidung des Berufungsgerichts, der in Rede stehende Beweis-
antritt der Beklagten habe nicht berücksichtigt werden müssen, ist rechtsfehler-
haft, weil sie die Beklagte in ihrem Verfahrensgrundrecht aus Art. 103 Abs. 1
GG verletzt.
aa) Die Vorschrift des Art. 103 Abs. 1 GG verpflichtet das Gericht, die
Ausführungen der Prozessbeteiligten zur Kenntnis zu nehmen und in Erwägung
zu ziehen. Das Gebot des rechtlichen Gehörs als Prozessgrundrecht soll si-
cherstellen, dass die Entscheidung frei von Verfahrensfehlern ergeht, die ihren
Grund in der unterlassenen Kenntnisnahme und Nichtberücksichtigung des
Sachvortrags der Parteien haben. In diesem Sinne gebietet Art. 103 Abs. 1 GG
in Verbindung mit den Grundsätzen der Zivilprozessordnung die Berücksichti-
gung erheblicher Beweisanträge (vgl. BVerfGE 50, 32, 35; 60, 247, 249). Die
Nichtberücksichtigung eines solchen Beweisangebots verstößt daher dann ge-
gen Art. 103 Abs. 1 GG, wenn sie im Prozessrecht keine Stütze findet (vgl.
BVerfGE 69, 141, 144; BVerfG, Kammerbeschl. v. 10.2.2009 - 1 BvR 1232/07,
juris Tz. 21).
bb) Diese Grundsätze hat das Berufungsgericht nicht hinreichend beach-
tet. Die Nichterhebung des von der Beklagten angebotenen Zeugenbeweises
durch das Berufungsgericht findet im Prozessrecht keine Stütze.
(1) Einem Beweisantritt braucht nach der Rechtsprechung des Bundes-
gerichtshofs allerdings dann nicht nachgegangen zu werden, wenn die beweis-
belastete Partei ohne greifbare Anhaltspunkte für das Vorliegen eines bestimm-
ten Sachverhalts willkürlich Behauptungen "aufs Geratewohl" oder "ins Blaue
hinein" aufgestellt hat. Bei der Annahme von Willkür in diesem Sinne ist jedoch
große Zurückhaltung geboten. In der Regel wird sie nur das Fehlen jeglicher
tatsächlicher Anhaltspunkte rechtfertigen können (BVerfG, Kammerbeschl. v.
10.2.2009 - 1 BvR 1232/07, juris Tz. 26; BGH, Urt. v. 25.4.1995 - VI ZR 178/94,
NJW 1995, 2111, 2112). Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts konn-
te der Beweisantritt der Beklagten aus diesem Grund nicht unbeachtet bleiben.
Die Revision macht mit Recht geltend, dass das Berufungsgericht zu hohe An-
forderungen an die Substantiierungslast der darlegungspflichtigen Beklagten
gestellt hat.
Eine Partei genügt ihrer Darlegungslast, wenn sie Tatsachen vorträgt,
die in Verbindung mit einem Rechtssatz geeignet sind, das geltend gemachte
Recht als in ihrer Person entstanden erscheinen zu lassen. Unerheblich ist da-
bei, wie wahrscheinlich die Darstellung ist und ob sie auf eigenem Wissen oder
einer Schlussfolgerung aus
Indizien beruht (BGH, Beschl. v. 9.2.2009
- II ZR 77/08, NJW 2009, 2137 Tz. 4 m.w.N.). Es ist dann Sache des Tatrich-
ters, in die Beweisaufnahme einzutreten und dabei gegebenenfalls Zeugen
nach weiteren Einzelheiten zu befragen
(BGH, Beschl. v. 21.5.2007
- II ZR 266/04, NJW-RR 2007, 1409 Tz. 8).
Diesen Anforderungen an die Substantiierungslast genügt das Vorbrin-
gen der Beklagten, die Empfängerin habe das Gut bei ihrer Schwestergesell-
schaft in Diegem abgeholt. Die Beklagte hat in ihrer Klageerwiderung dargelegt,
aus welchen Gründen die Zustellinformationen nicht die Übergabe des Gutes
an die Empfängerin, sondern die Ablieferung im UPS-Center in Diegem doku-
mentieren. Sie hat dazu vorgetragen, die unterlassene Dokumentation der
Übergabe der Pakete an die Empfängerin sei auf die Vorgehensweise der Ver-
senderin zurückzuführen. Diese habe es vorgezogen, die Anschrift des belgi-
schen UPS-Centers als Lieferanschrift zu wählen. Dementsprechend sei die
Zustellung dort vorgenommen und dokumentiert worden. Unter diesen Umstän-
den kann nicht angenommen werden, dass die Beklagte ihre Behauptung, die
Empfängerin habe die Ware im UPS-Center in Diegem abgeholt, "offenkundig
ins Blaue hinein" aufgestellt hat. Die Revision macht in diesem Zusammenhang
auch mit Recht geltend, dass schon das Landgericht darauf hingewiesen hat,
dass es unverständlich erscheint, dass erst Monate nach der erwarteten Liefe-
rung ein Verlust reklamiert wurde, obwohl es sich um eine Sendung von ganz
erheblichem Wert gehandelt und die Empfängerin Vorkasse geleistet hatte. Un-
ter diesen Umständen durfte das Berufungsgericht den Beweisantritt der Be-
klagten nicht übergehen.
(2) Von der Erhebung zulässiger und rechtzeitig angetretener Beweise
darf der Richter nur dann absehen, wenn das Beweismittel völlig ungeeignet
oder die Richtigkeit der unter Beweis gestellten Tatsache bereits erwiesen ist.
Bei der Zurückweisung eines Beweismittels als ungeeignet ist größte Zurück-
haltung geboten. Es muss jede Möglichkeit ausgeschlossen sein, dass der
übergangene Beweisantrag Sachdienliches ergeben könnte (BVerfG NJW
1993, 254, 255; BGH, Urt. v. 26.11.2003 - IV ZR 438/02, NJW 2004, 767, 769;
Zöller/Greger, ZPO, 27. Aufl., Vor § 284 Rdn. 10a). Das Berufungsgericht konn-
te nicht davon ausgehen, dass der Geschäftsführer der Empfängerin keinerlei
sachdienliche Angaben zu der Frage machen kann, ob das Gut der Empfänge-
rin übergeben worden ist.
III. Danach ist das Berufungsurteil auf die Revision der Beklagten aufzu-
heben und die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch über die
Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückzuverweisen.
Für das wiedereröffnete Berufungsverfahren weist der Senat auf Fol-
gendes hin:
Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts kommt ein Mitverschul-
den der Versenderin wegen Unterlassens eines Hinweises auf die Gefahr eines
ungewöhnlich hohen Schadens in Betracht, das sich die Klägerinnen zurechnen
lassen müssen. Die Gefahr eines besonders hohen Schadens ist nach der
Rechtsprechung des Senats bei massenhafter Versendung von Paketen im All-
gemeinen anzunehmen, wenn der Wert des einzelnen Pakets (vgl. BGH, Urt. v.
3.5.2007 - I ZR 98/05, TranspR 2007, 412, 414) 5.000 €, das heißt etwa den
zehnfachen Betrag der Haftungshöchstgrenze gemäß Nr. 9.2 der Beförde-
rungsbedingungen übersteigt, die die Beklagte ihren Beförderungsleistungen
zugrunde legt (BGH, Urt. v. 15.12.2005 - I ZR 95/03, TranspR 2006, 210, 211;
Urt. v. 3.5.2007 - I ZR 175/05, TranspR 2007, 414 Tz. 25). Ausweislich des
Schreibens der Versenderin vom 1. Februar 2002 (Anl. K 9) befanden sich in
drei Paketen Waren im Wert von 44.891,17 €, so dass von einem Warenwert in
Höhe von 14.963,72 € pro Paket auszugehen ist. In zwei weiteren Paketen be-
fanden sich Waren im Wert von 133.242,70 €, so dass von einem Warenwert in
Höhe von 66.621,85 € pro Paket auszugehen ist.
Die Kausalität des Mitverschuldenseinwands nach § 254 Abs. 2 Satz 1
BGB kann nur verneint werden, wenn der Frachtführer trotz eines Hinweises
auf den ungewöhnlich hohen Wert des Gutes keine besonderen Maßnahmen
ergriffen hätte (BGH, Urt. v. 1.12.2005 - I ZR 265/03, TranspR 2006, 208, 209;
Urt. v. 11.9.2008 - I ZR 118/06, TranspR 2008, 362, 364). Trägt der Anspruch-
steller hierzu nichts vor, ist im Regelfall davon auszugehen, dass der Frachtfüh-
rer bei einem Hinweis auf den ungewöhnlich hohen Wert des Transportgutes
entweder besondere Sicherungsmaßnahmen ergriffen oder den Transportauf-
trag abgelehnt hätte. Bei einem entsprechenden Sachvortrag des Anspruchstel-
lers zur fehlenden Ursächlichkeit der unterlassenen Wertangabe obliegt es
nach den allgemeinen Grundsätzen allerdings dem Frachtführer, darzulegen
und gegebenenfalls zu beweisen, dass der unterlassene Hinweis auf den un-
gewöhnlich hohen Wert des Gutes für den entstandenen Schaden zumindest
mitursächlich war (BGH, Urt. v. 3.7.2008 - I ZR 205/06, TranspR 2008, 394
Tz. 20). Die Parteien haben im wiedereröffneten Berufungsverfahren Gelegen-
heit, hierzu ergänzend vorzutragen.
Bornkamm
Pokrant
Büscher
Bergmann
Kirchhoff
Vorinstanzen:
LG Hamburg, Entscheidung vom 24.04.2006 - 415 O 137/04 -
OLG Hamburg, Entscheidung vom 11.01.2007 - 6 U 114/06 -